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Das Hormon Oxytocin ist vor allem für seine Bedeutung im Rahmen von Geburt und Stillen bekannt. Darüber hinaus kann es sich jedoch auf viele weitere Abläufe im Körper auswirken und die physische und psychische Gesundheit auch langfristig günstig beeinflussen. Dieser Artikel erklärt die Wirkweise des Oxytocins und zeigt die verschiedenen Wege auf, den Oxytocin-Spiegel im Blut zu erhöhen.
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Oxytocin – Definition
Oxytocin ist ein Hormon, das sowohl entspannende als auch anregende Effekte hat und insbesondere die Milchbildung bei der Frau, die Entwicklung des Säuglings und die sozialen Interaktionen bei beiden Geschlechtern beeinflusst.
Es entsteht im Hypothalamus, einem Gehirnbereich mit wesentlichem Einfluss auf die Hormonachsen des Körpers. Von dort gelangt es wahlweise über das Blut und die Hirnanhangsdrüsen in den Körperkreislauf, oder wandert direkt in benachbarte Gehirnzellen ein, wo es ebenfalls seine Effekte auslösen kann. Rezeptoren für Oxytocin finden sich auf vielen Organen und Geweben, vor allem an der Gebärmutter und der Brustdrüse.
Reize für die Freisetzung von Oxytocin sind vorrangig körperliche Berührungen, vor allem über unbekleidete Haut, und die damit verbundene Nähe. Aber auch Gerüche, bewusster und positiv empfundener Sichtkontakt mit einer nahestehenden Person und die Wahrnehmung eines solchen Menschen in der unmittelbaren Nähe können die Oxytocin-Spiegel ansteigen lassen.
Oxytocin – Wirkung und Funktion
Überwiegend löst Oxytocin ein Gefühl von Entspannung, Sicherheit und Geborgenheit aus. Es reduziert Stress und erleichtert Lernprozesse. Körperliche Effekte des Oxytocins betreffen vor allem die Gebärmutter und die Brustdrüse der Frau, sowie allgemein das Herz-Kreislauf-System und das Nervensystem.
Auch bei Männern gibt es einige förderliche Oxytocineffekte. Diese fallen jedoch zumeist etwas geringer aus als bei Frauen, weil die Empfindlichkeit der Oxytocin-Rezeptoren vor allem durch hohe Spiegel der weiblichen Geschlechtshormone gesteigert wird.
Die Wirkung von Oxytocin auf die einzelnen Organe und Systeme variiert in Abhängigkeit vom Kontext der Hormonausschüttung und der weiteren Botenstoffe, die der Körper im Rahmen der Interaktion freisetzt.
Oxytocin, das Kuschelhormon
Oxytocin wird auch als Kuschelhormon bezeichnet. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass vor allem intensiver körperlicher Kontakt die Oxytocin-Spiegel sprunghaft ansteigen lässt. Spitzenwerte des Hormons finden sich unmittelbar nach der Geburt, beim Stillen eines Säuglings, der an die Mutter geschmiegt ist, und bei Erwachsenen im Rahmen intimer Berührungen, beim Sex und dem Orgasmus. Bei enger Bindung zu einem Menschen kann auch die Betrachtung eines Bildes, eine Sprachaufnahme oder der Geruch der Person an einem Kleidungsstück zumindest überbrückend einen leichten Oxytocinanstieg im Blut verursachen und so ein kurzfristiges Gefühl von Nähe und Sicherheit vermitteln.
Herz-Kreislauf-System
Im Herz-Kreislauf-System führt die entspannende Wirkung des Oxytocins zu einer Senkung des Blutdrucks und der Herzfrequenz. Diese Effekte beruhen auf einer Hemmung des sympathischen Nervensystems zugunsten des Parasympathicus. Oxytocin unterdrückt die Bildung der Stresshormone, allen voran Cortisol, und der Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin.
Bei einer Geburt kommt es allerdings zu einem gegenteiligen Effekt. In diesem Fall ist das Hormon für einen Anstieg des Blutdrucks verantwortlich, der die Blut- und Nährstoffversorgung von Mutter und Kind verbessert und so die Geburt erleichtert.
Bei langen Stillphasen im Leben der Frau kommt es zu einer dauerhaften Senkung des Risikos für Erkrankungen wie Bluthochdruck, Schlaganfällen oder Herzinfarkten, die weit über das Ende der Stillzeit hinaus anhält. Auch Diabetes-Erkrankungen (Zuckerkrankheit) treten hiernach seltener auf, was sich ebenfalls günstig auf die Gefäße auswirkt.
Zentrales Nervensystem
Oxytocin beeinflusst die Wirkung körpereigener Opioide, der sogenannten Endorphine und Enkephaline. Dies entspannt den Körper und reduziert das Schmerzempfinden.
Darüber hinaus hat das Hormon einen aktivierenden Einfluss auf Areale des Gehirns, die in die Prozesse der sozialen Interaktion involviert sind. Menschen mit höheren Oxytocin-Spiegeln können die emotionale Befindlichkeit Anderer leichter erkennen und reagieren empathischer als solche mit einem niedrigen Hormon-Spiegel. Diese Effekte beginnen bereits beim ersten Körperkontakt mit den Eltern im Säuglingsalter. Kinder, die viel Nähe und Zuwendung in den ersten beiden Lebensjahren erfahren, zeigen im gesamten Lebensverlauf geringere Stress-Spiegel und eine höhere Fähigkeit zur Bindung und empathischen Interaktion als solche mit einer weniger engen körperlichen Verbindung zu den Eltern.
Glatte Muskulatur
Als eines der wichtigsten Hormone für die Geburt regt Oxytocin die Kontraktionen der glatten Muskulatur in der Gebärmutter an. Dieser Effekt wird vor allem durch den Druck des kindlichen Köpfchens auf den Muttermund verstärkt. Damit es nicht bereits während der Schwangerschaft zu Anspannungen der Gebärmutterwand kommt, steigern sich die Empfindlichkeit der Rezeptoren und deren Zahl kontinuierlich und erreichen erst kurz vor der Geburt die nötige Ausprägung.
Nach der Geburt löst Oxytocin Kontraktionen der kleinen Muskelfasern in den Brustdrüsen an und steigert im Gehirn die Freisetzung von Prolaktin, einem Milch-fördernden Hormon. Somit ist das Stillen des Säuglings vorbereitet. Zeitgleich stößt der Körper durch erneute Kontraktion der Gebärmutter die Plazenta ab und drückt die Blutgefäße an der Wunde im Körperinneren zusammen. Plazentalösungsstörungen und große Nachblutungen werden, ebenso wie die manuelle Plazentalösung bei einer Kaiserschnittentbindung, mit synthetisch hergestelltem Oxytocin unterstützt.
In der Körperperiphere hat Oxytocin einen allgemein entspannenden Einfluss auf die glatten Muskelzellen und verbessert so die Durchblutung der Füße und Hände.
Mobilisierung von Energiereserven
Oxytocin verbessert die Durchblutung in den Eingeweiden. Bei der Nahrungsaufnahme kommt es wiederum zur Freisetzung von Botenstoffen, die einen Anstieg der Oxytocin-Spiegel auslösen. In einigen Studien zu diesen Zusammenhängen ergeben sich Hinweise auf eine bessere Ausschöpfung der Nährstoffe aus der aufgenommenen Nahrung und einer erleichterten Freisetzung der Energie aus den Körperspeichern. Die genauen Zusammenhänge sind jedoch noch unklar.
Sonstige Effekte
Im männlichen Körper zeigen sich vor allem beim Geschlechtsverkehr, bei der Ejakulation und während des Orgasmus erhöhte Oxytocin-Spiegel. Dabei scheint das Hormon die Abgabe der Samenflüssigkeit aus den Samenkanälchen und der Prostata zu unterstützen, indem es die Aktivität von glatten Muskelzellen verstärkt. Bei Frauen liegen ebenfalls beim Sex deutlich höhere Hormonwerte vor, die unter Umständen die Mobilität und die Befruchtung der Eizelle unterstützen könnten.
Weiterhin wirkt Oxytocin entzündungshemmend. Somit könnte es unter anderem dazu beitragen, das Risiko für Verkalkungen der Blutgefäßwände reduzieren, die durch andauernde chronische Entzündungsprozesse verstärkt werden.
Auch die Knochenstruktur kann sich unter Einfluss von Oxytocin verbessern, denn das Hormon verbessert die Calcium-Aufnahme in die Knochenmatrix. Hohe Oxytocin-Spiegel tragen damit zur Osteoporoseprophylaxe bei.
Oxytocin – Abbau
Oxytocin wird im Gehirn innerhalb einer halben Stunde abgebaut, im Blut sogar deutlich schneller. Um langfristig von den Effekten des Oxytocins zu profitieren, sind regelmäßig wiederkehrende Hormonspitzen wichtig. Denn mit jeder neuerlichen Ausschüttung von Oxytocin verbessert sich das Ansprechen der Rezeptoren und auch andere hormonelle Strukturen passen sich an die Effekte an.
Häufige Fragen
- Was ist die Wirkung von Oxytocin?
- Was erhöht den Oxytocin-Spiegel?
- Was passiert, wenn der Körper zu viel Oxytocin hat?
- Wann wird Oxytocin ausgeschüttet?
Oxytocin führt zu Entspannung und Wohlgefühl, unterstützt die Geburtsarbeit und das Stillen eines Säuglings und fördert schon im Kindesalter die emotionale und soziale Entwicklung.
Der Oxytocin-Spiegel steigt vor allem durch Körperkontakt mit vertrauten Menschen, insbesondere bei Partnern oder bei Mutter und Baby. In geringerem Maße können auch Sichtkontakt, das Riechen des Anderen und akustische Wahrnehmungen den Oxytocin-Spiegel steigern.
Auch Druck des kindlichen Kopfes auf den Muttermund während der Geburt ist ein Stimulus zur Oxytocin-Freisetzung. Eine Schmerzhemmung durch PDA kann in diesem Zusammenhang die Geburt stagnieren lassen, da sie die Nervenbahnen und das Signal zur Oxytocinfreisetzung stört.
Dauerhaft erhöhte Oxytocin-Spiegel können dazu führen, dass die Empfindlichkeit für das Hormon an den Rezeptoren herab reguliert wird. Die positiven Effekte können dann ins Negative umschlagen und eine Art Entzug auslösen sowie Aggressivität fördern.
Oxytocin wird akut während des Kontaktes ausgeschüttet. Für länger anhaltende Effekte müssen daher zunächst mehrfache Kontakte stattfinden.
- Moberg, K. U., Oxytocin – Das Hormon der Nähe. (Hrsg. Streit, U., Jansen, F.; Springer, 2016)
- Schmerzen sind geschlechtsspezifisch unterschiedlich, In: psychopraxis. neuropraxis (Springer, Ausgabe 5/2024, S. 268–270)
- Stier, B., Pubertät – muss das sein? In: Pädiatrie & Pädologie (Springer, Ausgabe 6/2024, S. 290–296)
- Terlouw, L., Plazentageburt: Abwarten lohnt sich! In: HebammenWissen (Springer, Ausgabe 2/2024, S. 41-43)
- Wie Hormone Frauenherzen steuern, https://herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzinfarkt/anzeichen/herzinfarkt-frauen-hormone (Abrufdatum: 06.01.2025)




