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Rassismus in der Medizin ist sehr präsent – obwohl das Gesundheitswesen allen Menschen gleiche Behandlung garantieren soll. Ob in der Pflege, bei Diagnosen oder im Patientenkontakt: Vorurteile, stereotype Zuschreibungen oder strukturelle Benachteiligungen können die Versorgung beeinflussen und Vertrauen zerstören.
Dieser Artikel beleuchtet, wie Rassismus in der Medizin wirkt, welche Folgen er hat und was Fachkräfte dagegen tun können.
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Rassismus – Definition
Rassismus bezeichnet die Abwertung, Ausgrenzung oder Diskriminierung von Menschen aufgrund zugeschriebener „rassischer“ oder ethnischer Merkmale wie Hautfarbe, Herkunft, Kultur oder Religion. Dabei werden Unterschiede biologisch oder kulturell überhöht, um Machtverhältnisse zu rechtfertigen oder zu festigen. Rassismus kann individuell, gesellschaftlich oder institutionell wirken – bewusst oder unbewusst – und führt zu Benachteiligung, Ungleichbehandlung und sozialer Ausgrenzung.
Wie äußert sich Rassismus in der Medizin?
“Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.”
Das sagt die Genfer Deklaration des Weltärztebundes („Genfer Gelöbnis“), die 1948 den Hippokratischen Eid ablöste und Basis für die ärztliche, pflegerische und im Allgemeinen medizinische Tätigkeit darstellt. Sie wird seitdem immer wieder modernisiert. In der Realität sieht Medizin auch in Deutschland aber immer noch anders aus: Primär weiß, männlich und ohne Behinderung. So lernen angehende medizinische Fachkräfte aus Lehrbüchern, die die allgemeine Anatomie weißer Menschen lehren, die Symptome und Behandlungen beschreiben, die aus Studien mit weißen Männern hervorgingen und Blickdiagnosen durch Bilder mit weißer Haut zeigen. Auch in der Forschung werden People of Colour (PoC) seltener und in kleineren Gruppen berücksichtigt.
Diskriminierung bei Terminvergabe
Der klinische Alltag spiegelt dieses Phänomen wider. Das ergab beispielsweise der Bericht des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) 2023. Demnach erfuhren beispielsweise Menschen mit türkischen oder nigerianischen Namen schon deutlich seltener (45 oder 44 Prozent) eine positive Rückmeldung auf eine ärztliche Terminanfrage per Email, als solche mit deutschem Namen (51 Prozent). Entgegen der Erwartung war dieses Phänomen in höheren Bildungsgruppen (beispielsweise mit Doktortitel der fiktiven Anfragenden) sogar erhöht.
Doch nicht nur das führt zu einer Verzögerung der Behandlung: Hinzu kommen unter anderem das Einkommen, die Entfernung zum nächsten medizinischen Standort sowie Wartezeiten bis zum Termin. Alles Faktoren, bei denen PoC häufig benachteiligt sind.
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Diskriminierungserfahrungen in der Behandlung
Nicht nur vor sondern auch während medizinischer Behandlungen kann sich Rassismus in der Medizin äußern. In der Umfrage des DeZIM gaben 34,4 Prozent der rassistisch markierten (nicht-weißen) Personen an, schonmal die ärztliche Bezugsperson gewechselt zu haben, weil sie sich nicht ernstgenommen fühlten – das ist mehr als jede Dritte. Bei nicht rassistisch Markierten war es knapp jede vierte Person (24,2 Prozent). Auch Geschlechterunterschiede waren unter PoC deutlicher zu merken. Insgesamt war vor allem die Wahrscheinlichkeit dazu bei muslimischen Menschen erhöht – um neun Prozentpunkte gegenüber nicht rassistisch markierten Personen.
Diese Berichte decken sich auch mit Erfahrungen auf der behandelnden Seite. So stehen rassistische, diskriminierende Scheindiagnosen im Raum, die beispielsweise die nicht-Behandlung oder -Abklärung von Schmerzen legitimieren. Auch die Diagnostik einiger Erkrankungen wird erschwert, wenn beispielsweise von gleichen Vortestwahrscheinlichkeiten bei Migrierten ausgegangen wird, wie bei der mitteleuropäischen Bevölkerung oder – im Gegenteil – Tests aufgrund abweichender Vortestwahrscheinlichkeiten nicht durchgeführt werden.
Sind Schmerzen unterschiedlich viel wert? Der Mobus Mediterranus
In der Praxis werden Beschwerden von Patienten oft unterschiedlich ernst genommen – je nach Herkunft, Ausdrucksweise oder Stereotypen. Besonders kontrovers diskutiert wird dabei der sogenannte „Morbus Mediterranus“. Das ist eine Scheindiagnose, die sich auf die Argumentation stützt, dass Menschen aus dem Mittelmeerraum (oder mit entsprechender äußerlicher Erscheinung) kulturell bedingt ein nicht angemessenes oder übertriebenes Schmerzempfinden hätten.
Die auch auch als „Morbus Bosporus“ oder „Mamma-mia-Syndrom“ oder manchmal auch „Morbus Alorium“ („Krankheit der Anderen“) bezeichnete Einordnung wird häufig hinter dem Rücken von Behandelten besprochen – manches medizinisches Personal diskutiert aber auch offen für die Legitimation des Begriffs. Er stellt die diskriminierende Grundlage des Nichternstnehmens von Betroffenen vor und ist ein gefährliches Hindernis in der Erstellung ausführlicher Diagnosen.
Rassismus in der Medizin – Ursachen
Rassistische Erlebnisse können durch die vorurteilsbehaftete Anschauung Einzelner entstehen, in den meisten Fällen sind sie jedoch Ergebnis eines strukturellen Systems, das sich über die letzten Jahrhunderte etabliert hat. Schon die medizinische Lehre umfasst Standards, die große Bevölkerungsteile ausgrenzen beziehungsweise benachteiligen. Wer nicht in die gelehrte Norm (weiß, männlich, ohne Behinderung) passt, ist anders. Diese systemische Konstruktion der „Anderen“ bringt Nachteile mit sich.
Und woher stammt das Problem? Es ist schwieriger, empirisch belegte Empfehlungen zu Erkrankungen von PoC zu machen, da diese schlechter untersucht sind. Die eingeschränkte Forschung hat neben finanziellen auch kulturelle Hintergründe: Unethische Versuche an marginalisierten Bevölkerungsgruppen ohne Einwilligung schürten ein traditionelles Misstrauen gegenüber der medizinischen Forschung. Ohne großflächige Datenerhebung aus entsprechenden Gruppen bleibt die Lehre, Beratung und leitlinienbasierte Behandlung schwer. Statt forschungsbasierten Empfehlungen basieren Diskussionen auf Stereotypen.
Rassismus in der Medizin – Folgen
Rassismus in der Medizin kann schwerwiegende Folgen für die Gesundheit und das Vertrauen von Diskriminierten haben. Folgen von struktureller Diskriminierung sind Verzögerungen bei der Diagnostik und damit potenziell schwerwiegendere Folgen von Erkrankungen und Komplikationen.
Neben einem erschwertem Zugang zu medizinischer Versorgung erleben Betroffene auch Stress, Scham und ziehen sich häufiger als nicht diskriminierte Personen auf dem Gesundheitssystem zurück. So erhöhen nicht-mitteleuropäische soziodemographische Merkmale nicht nur die Wahrscheinlichkeit der Fehlbehandlung, sondern auch die Wahrscheinlichkeit der Verzögerung oder Vermeidung von Behandlung. Das gleiche gilt für die Aufgabe der Suche nach einem Platz in der Psychotherapie. Insgesamt resultiert das in diesen Behandlungsnachteilen:
- Verzögerte Diagnostik und Behandlung
- Seltener Leitlinienbehandlung
- Höherer Mortalitätsrate (Sterbewahrscheinlichkeit)
Rassismus in der Medizin – Was Pflegekräfte tun können
Rassismus hat keinen Platz in der Medizin. Obwohl es sich hierbei um ein primär strukturelles Problem handelt, kann schon jede Einzelperson einen kleinen Teil zu weniger strukturierter Diskriminierung beitragen – und das geht schon in der Ausbildung los. So können Auszubildende beispielsweise nachhaken, wenn Fragen zum Umgang mit verschiedenen kulturellen (oder auch genetischen) Profilen in der Medizin offenbleiben.
Lehrbücher etwa werden in der Regel alle paar Jahre überarbeitet. Durch Druck seitens der Lesenden können dabei neue Informationen eingearbeitet werden. So setzten Medizinstudentinnen beispielsweise erst vor einigen Jahren die korrekte Abbildung und Beschreibung der Klitoris in der Anatomie-Atlanten-Reihe „Prometheus“ durch – das kann man auch auf andere Formen der lückenhaften Lehre in der Medizin übertragen.
So oder so ist es wichtig, zusammenzuhalten und Courage zu zeigen – auch wenn man sich in der Klinikhierarchie vielleicht unbedeutend fühlt, weil man „nur“ eine Pflegekraft oder andere medizinische Fachkraft ist. Fälle von Rassismus oder auch nur unterschwellig diskriminierendem Umgang sollten immer mindestens dokumentiert und gesammelt und am besten angesprochen und reflektiert werden. Nur durch Druck auf Vorgesetzte, die Führungsebene und das System kann sich das System ändern. Dabei gibt es außerdem auch einige Dinge, die man noch als Einzelperson tun kann.
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Eigene Denkweisen hinterfragen
Ein zentraler Schritt im Umgang mit Rassismus ist das Hinterfragen der eigenen Denkweisen. Auch unbewusste Vorurteile oder stereotype Annahmen können das Verhalten im Pflegealltag beeinflussen – etwa bei der Einschätzung von Schmerz, bei der Kommunikation oder im Umgang mit Angehörigen. Wer bereit ist, die eigene Haltung kritisch zu reflektieren, schafft die Grundlage für eine respektvolle und diskriminierungsfreie Pflegebeziehung. Offenheit, Selbstreflexion und die Auseinandersetzung mit der eigenen Sozialisation helfen dabei, Rassismus-kritisch und professionell zu handeln.
Fallen so im Alltag beispielsweise auch unterschwellig rassistische Handlungen auf, kann man diese mit dem Kollegium oder auch im Freundeskreis erläutern, diskutieren und bessere Handlungsweisen erarbeiten.
Geduld und Empathie
Der Umgang mit Rassismus erfordert eine Menge Geduld und Empathie. Empathie bedeutet, sich auf Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen einzulassen, ihre Perspektiven zu respektieren und Missverständnisse nicht vorschnell zu bewerten. Gleichzeitig erfordert der Einsatz gegen Rassismus auch Geduld gegenüber anderen Mitarbeitenden oder Behandelnden, die Zusammenhänge noch nicht erkennen oder Rassismus-kritische Sichtweisen nicht sofort teilen.
Statt mit Abwertung zu reagieren, können Pflegekräfte durch sachliche Gespräche und einfühlsame Aufklärung langfristig zu einem sensibleren Miteinander beitragen. So fördern sie ein respektvolles Arbeitsumfeld, in dem Vielfalt als Stärke verstanden wird. Dabei kann man beispielsweise bei Antidiskriminierungspersonen des Arbeitgebers nach Unterstützung oder Vermittlung fragen.
Der 1. Schritt gegen Diskriminierung: Betroffenen zuhören
Als nicht diskriminierte Person fällt es häufig schwer, sich strukturelle Formen von Diskriminierung – beispielsweise alltägliche Rassismuserfahrungen – klarzumachen. Auf dem Weg zum Verständnis kann es helfen, Betroffene um Erfahrungsberichte oder das Teilen ihrer Gefühlslage zu bitten, ihnen zuzuhören und offen nach Anreizen zur Hilfestellung zu fragen. Betroffenen eine Bühne zu bieten, kann bereits den ersten Schritt in Richtung Gleichberechtigung und ein faireres Miteinander darstellen.
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- Rassismus und seine Symptome: Bericht des Nationalen Diskriminierung und Rassismusmonitors, 2023
- WMA Deklaration von Berlin über Rassismus in der Medizin, 73. Versammlung des Weltärztebundes, 2022








