
Inhaltsverzeichnis
Eine EMDR Therapie hilft Betroffenen nach einer traumatischen Erfahrung, das Erlebte zu verarbeiten und Traumafolgestörungen zu überwinden. Dieser Artikel erklärt die Wirkung und den Ablauf einer EMDR Behandlung und zeigt auf, bei welchen Erkrankungen EMDR darüber hinaus zum Einsatz kommt.
Inhaltsverzeichnis
EMDR Therapie – Definition
EMDR bedeutet „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“. Dabei handelt es sich um eine traumatherapeutische Expositionsbehandlung, bei der sich die Patienten im geschützten Rahmen der Therapie mit belastenden Lebenserfahrungen auseinandersetzen. Zeitgleich zur Konfrontation mit dem Erlebten führen sie im klassischen EMDR-Ansatz schnelle Blickfolgen durch, indem sie den gezeigten Fingern des Therapeuten oder einem Lichtbalken folgen. Die Augenbewegungen entsprechen denen im REM-Schlaf, der Schlafphase, in der das Gehirn die erlebten Eindrücke des Vortages verarbeitet.
Bewusste rhythmische Augenbewegung und die gleichzeitige Konzentration auf das Erlebte führen zu einer erhöhten Aktivität des Vagusnervs, was den Körper entspannt. Zeitgleich sinkt die Aktivität der emotionalen Zentren im Gehirn, unter anderem der Amygdala. Dadurch lässt die emotionale Aufladung der Erinnerung nach und sie kann besser in das Langzeitgedächtnis überführt werden. Alternativ zur Augenbewegung können auch rhythmisch wechselnde akustische Signale oder Berührungen zum Beispiel an den Armen (Taps) eine vergleichbare Reaktion erzeugen.
Als Ergänzung eines weiteren Psychotherapieverfahrens wie etwa der Verhaltenstherapie kann EMDR zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS, eine Traumafolgestörung) bei Erwachsenen eingesetzt werden. Dabei erfolgt eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen.
Entstehungsgeschichte
Nachdem Francine Shapiro, eine US-amerikanische Psychologin, zufällig beobachtete, dass sie eigene traumatische Erlebnisse durch Blickfolgen besser verarbeiten konnte, entwickelte sie daraus in den Jahren 1987 bis 1991 die EMDR Therapie, die sie zunehmend um weitere Stimulationsmethoden und verhaltenstherapeutische Aspekte erweiterte. Seither gibt es das Verfahren auch in Deutschland. Es gibt bundesweit Angebote für die Zusatzweiterbildung zum EMDR-Therapeuten.
Wer darf EMDR Therapie durchführen?
Die EMDR Therapie darf nur von anerkannten Therapeuten mit abgeschlossener EMDR Zusatzweiterbildung durchgeführt werden. Natürlich muss der Behandler auch die übrigen Behandlungsmethoden der Psychotherapie beherrschen. Die Anwendung von EMDR erfolgt in der Regel als Ergänzung und nicht als alleinige Therapiemethode.
Ausbildungsplätze als Pflegefachkraft
EMDR Therapie – Ziele
EMDR zielt darauf ab, traumatische Erinnerungen und Eindrücke aktiv ins Bewusstsein zurückzuholen und die emotionale Verknüpfung daran abzumildern, damit das Erlebte korrekt abgespeichert werden kann.
Für wen eignet sich EMDR Therapie?
Eine EMDR Therapie ist gut geeignet zur Unterstützung von Menschen, die sich mit einem emotionalen Trauma auseinandersetzen und dieses überwinden wollen.
Dabei ist eine erfolgreiche Vorbehandlung psychischer Erkrankungen unerlässlich, sofern diese zum Erhalt des Traumas beitragen oder den Therapieerfolg beeinträchtigen könnten. Hierzu zählen unter anderem Angst- und Panikstörungen sowie Suchterkrankungen mit Substanz- oder Alkoholkonsum (die wiederum durch EMDR behandelbar sind), weiterhin Wahrnehmungsstörungen bei wahnhaften Erkrankungen oder Demenz. Epilepsien stellen eine relative Kontraindikation dar, hier ist die individuelle Abwägung durch Arzt und Therapeut sinnvoll.
Da das erneute Durchleben der traumatisierenden Einflüsse Körper und Psyche stark belasten kann, sollten auch körperliche Erkrankungen insbesondere des Herz-Kreislauf-Systems beachtet werden. Patienten müssen auf intensive Erlebnisse eingestellt sein. Gelegentlich kann eine vorübergehende medikamentöse Unterstützung notwendig werden, wenn die Trauma-Verarbeitung Schlafstörungen oder andere Beschwerden auslöst.
Neben der PTBS eignet sich die EMDR Therapie auch zur Behandlung von depressiven Erkrankungen, chronischer Erschöpfung und Schmerzsyndromen. Zukünftig ist ein Einsatz bei Phantomschmerzen und zur Senkung der Rückfallneigung bei Alkoholkranken denkbar. Bei Kindern könnte sie helfen, traumatisch bedingte Entwicklungsverzögerungen und Bindungsstörungen zu überwinden, wobei die wissenschaftlichen Belege derzeit für eine Kostenerstattung der Therapie nicht ausreichen.
Was ist ein Trauma?
Ein Trauma ist die Folge eines schwerwiegenden Ereignisses, beispielsweise eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe, einer Gewalttat, von Kriegserfahrungen auch dem plötzlichen Tod eines geliebten Menschen. Abgeleitet von der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO ist ein emotionales Trauma eine „außergewöhnliche Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die bei den meisten Menschen eine tiefgreifende Verzweiflung verursachen würde“.
Es gibt akute, wiederkehrende oder anhaltende Traumata, wobei die Dauer des Traumas irrelevant ist. Ohne die nötige psychische Widerstandskraft kann das Erlebte nicht verarbeitet werden. Dann genügen bestimmte Auslöser (Trigger), um die Erinnerung an das Geschehen mit allen Aspekten wieder ins Bewusstsein zu holen. Die Betroffenen durchleben das Trauma immer wieder neu, was auch als Intrusion bezeichnet wird.
EMDR Therapie – Ablauf
EMDR Therapie folgt einem klar strukturierten Ablauf mit acht Phasen, wobei die einzelnen Phasen teilweise wiederholt werden. Nach einer anfänglichen Anamnese und Befunderhebung erfolgt die Festlegung der Behandlungsziele. Hiernach bearbeiten Patient und Therapeut das Erlebte so lange, bis die Erinnerungen richtig abgespeichert wurden und der Betroffene die emotionale Verknüpfung abgelegt hat.
Phase 1
In der ersten Therapiephase, der Anamnese und Behandlungsplanung, erfragt der Behandler die Vorgeschichte des Patienten und legt dabei fest, ob EMDR die richtige Behandlungsform für das zugrunde liegende Problem ist. Dabei achtet er auf Vorerkrankungen und schließt Gegenanzeigen zur Therapie aus. Hiernach formulieren Therapeut und Patient die Behandlungsziele und erstellen einen Behandlungsplan für die EMDR Therapie.
Phase 2
Auf die erste Phase folgt die Vorbereitung des Patienten. Dabei erklärt der Behandler, wie die Behandlung abläuft. Bevor die aktive Bearbeitung der traumatischen Erfahrungen beginnt, kann er dem Patienten Entspannungsmethoden an die Hand geben und gegebenenfalls eine medikamentöse Unterstützung einleiten. Außerdem legen Patient und Behandler gemeinsam fest, welches Signal zum Abbruch der Behandlung angewendet werden soll, wenn der Patient eine Pause benötigt.
Ausbildungsplätze als Altenpfleger/in
Phase 3
In der dritten Phase, der Bewertung der Erinnerung, beginnt die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Dabei werden negative Gedanken und Gefühle, die durch das Ereignis hervorgerufen wurden, aufgegriffen und positive Glaubenssätze daraus formuliert (zum Beispiel „Es ist überstanden“). Zudem erfolgt eine breitere Einordnung des Ereignisses, weg von der reinen emotionalen „Aufladung“ und hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Situation mit allen zugehörigen Wahrnehmungen und Empfindungen.
Phase 4
In der vierten Phase, der Durcharbeitung, erfolgt die Kernarbeit der EMDR. Nun gehen Patient und Therapeut Schritt für Schritt die Erinnerung durch, während zeitgleich die Stimulation durch die Augenbewegungen, die taktilen oder akustischen Reize erfolgt. Meist verläuft dieser Abschnitt der Therapie in kleinen Sets von 30 Sekunden bis maximal zwei Minuten. Anschließend wird die neue, veränderte Empfindung der Situation besprochen und gegebenenfalls ein weiteres Set durchgeführt. Die körperlichen und emotionalen Reaktionen in dieser Phase sind schwer vorhersehbar und fordern eine hohe Flexibilität des Therapeuten, der den Patienten durch den Prozess führt.
Phase 5
In der nachfolgenden Phase der Verankerung ist die emotionale Belastung durch die Erinnerung in der Regel deutlich abgeklungen. Oftmals gelingt den Patienten eine deutlich distanziertere Wahrnehmung der Gedanken und Gefühle, die mit dem traumatischen Ereignis im Zusammenhang stehen. Darauf aufbauend werden in dieser Phase die kognitiven Aspekte behandelt, also Gedankengänge, die das Ereignis ausgelöst haben. Negative Gedanken und Verknüpfungen werden durch EMDR abgeschwächt, während positive Denkweisen durch langsame bilaterale Stimulation gefördert werden.
Phase 6
Die sechste Phase der EMDR Therapie fokussiert das körperliche Empfinden des Patienten. Dabei ermitteln Patient und Therapeut, ob es verbleibende körperliche Wahrnehmungen als Erinnerung an das Erlebte gibt. Diese können dann gezielt behandelt werden.
Psychotherapeut/in Stellenangebote
Phase 7
In der Abschlussphase ist die Aufarbeitung des traumatischen Erlebnisses beendet. Der Therapeut gibt dem Patienten Hilfestellungen mit auf den Weg, die er bei erneuten Erinnerungsfragmenten oder unvorhergesehenen Krisen anwenden kann. Die Abschlussphase kann ein Zwischenschritt vor Beginn einer weiteren Durcharbeitungsphase sein oder direkt das Ende der gesamten Therapie einläuten.
Phase 8
In der anschließenden Nachbefragung, die vor der nächsten Therapiestunde oder auch nach Beendigung der eigentlichen Therapie erfolgt, sprechen der Patient und sein Therapeut über Erinnerungsfragmente und Träume, die im Anschluss an die vorangegangene Therapie aufgetreten sind. Werden diese als belastend erlebt, so können die Kompensationsmechanismen angepasst werden oder eine erneute EMDR Therapie wird eingeleitet.
EMDR Therapie – Wirkung
Die Wirkung der EMDR Therapie konnte in wissenschaftlichen Studien für die Behandlung von PTBS bei Erwachsenen nachgewiesen werden. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass EMDR der kognitiven Verhaltenstherapie ebenbürtig ist und darüber hinaus zeit- und kosteneffizienter sein könnte, wenngleich die Daten zu diesen Aspekten nur eingeschränkt aussagekräftig sind. Damit stellt die EMDR bei richtiger Auswahl von Patienten und Therapeuten eine wirkungsvolle Methode zur Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörung und weiterer psychischer Erkrankungen dar.
Stellen für Pflegekräfte
Wer auf der Suche nach abwechslungsreichen Stellen und herausfordernden beruflichen Abenteuern ist, findet bei Medi-Karriere tausende Stellen für Pflegefachkräfte, Pflege-Hilfsjobs und weitere spannenden Berufsangebote in der Pflege.
Häufige Fragen
- Wie viel kostet eine EMDR Therapie?
- Wie funktioniert die EMDR Methode?
- Welche 8 Phasen hat die EMDR Therapie?
- Welche Nachteile hat die EMDR Therapie?
Die Kosten für eine EMDR Therapie variieren je nach Anbieter und belaufen sich auf etwa 90 bis 150 Euro pro Sitzung, wobei auch die Anzahl der benötigten Behandlungseinheiten individuell abweichen kann. Eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen ist derzeit in Deutschland bei der Behandlung Erwachsener mit PTBS möglich, sofern die EMDR Therapie mit einer weiteren anerkannten Traumatherapie kombiniert wird. Für andere Krankheitsbilder und den Einsatz bei Kindern gibt es derzeit keine Möglichkeit der Kostenerstattung.
Die EMDR Methode reaktiviert die Erinnerungen an ein emotional traumatisierendes Erlebnis und lösen die emotionale Verknüpfung des Ereignisses, während sie zeitgleich eine Verbindung zu Entspannung und positiven Glaubenssätzen schafft. Dadurch kann die Erinnerung besser ins Langzeitgedächtnis integriert werden und verliert ihren intrusiven, aufdrängenden Charakter.
Eine EMDR Therapie verläuft in 8 Phasen, die sich teilweise wiederholen. Sie beginnt mit den ersten beiden Phasen, der Anamnese und Behandlungsplanung sowie der Vorbereitung des Patienten. Dabei werden Behandlungsziele erfasst und die zu bearbeitenden Inhalte konkretisiert. Hiernach durchlaufen Therapeut und Patient die dritte bis fünfte Phase, Bewertung der Erinnerung, Durcharbeitung mit EMDR Technik und anschließende Verankerung. In der sechsten Phase werden verbleibende körperliche Wahrnehmungen bearbeitet. Die einzelnen Therapierunden und auch die Therapie insgesamt enden in der siebten Phase, der Abschlussphase, an die sich eine achte Phase der Nachbefragung anschließt. Zeigt sich hierbei, dass es unverarbeitete Aspekte gibt, so schließt sich eine neue Therapierunde ab Phase 3 an.
Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Erlebten kann die EMDR Therapie intensive Empfindungen auslösen und ihrerseits zu Albträumen, Angstzuständen und körperlichen Stressreaktionen führen. Daher ist es wichtig, sich auf die Erlebnisse einzulassen, Bewältigungsstrategien einzusetzen und sicherzustellen, dass keine äußere Retraumatisierung anzunehmen ist (zum Beispiel durch erneuten Kontakt zu einem Täter).
- Pausch, M. J., & Matten, S. J., Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) – Definition, Einteilung, Epidemiologie und Geschichte. In: Trauma und Traumafolgestörung (Springer, 2018, S. 3-12)
- de Jongh, A., Amann, B. L., Hofmann, A., Farrell, D., & Lee, C. W., The Status of EMDR Therapy in the Treatment of Posttraumatic Stress Disorder 30 Years After Its Introduction. In: EMDR International Association (Hrsg.), Journal of EMDR Practice and Research (Ausgabe 4/2019).








