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Der Stuhlgang (auch Defäkation genannt) ist ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Verdauungsphysiologie. Er stellt den letzten Schritt im Prozess der Nahrungsverwertung dar und ist notwendig, um unverdauliche Reste, Wasser, Elektrolyte, Schleim und Bakterien als Stuhl aus dem Körper auszuscheiden. Auch wenn er häufig als banal oder unangenehm empfunden wird, ist der Stuhlgang komplex geregelt und hochgradig relevant für das körperliche und soziale Wohlbefinden. Ein gestörter Ablauf kann das Leben Betroffener massiv beeinträchtigen, wie es etwa bei der Obstipation oder der Stuhlinkontinenz der Fall ist.
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Stuhlgang – Definition
Die Defäkation ist ein koordinierter physiologischer Vorgang, bei dem der Darminhalt, genauer gesagt der im Rektum gespeicherte Kot, durch den Anus aus dem Körper ausgeschieden wird. Sie dient der Entsorgung unverdaulicher Nahrungsreste, abgestoßener Epithelzellen, Mikroorganismen sowie Gärungs- und Fäulnisprodukte. Die Fähigkeit, die Defäkation bewusst zu steuern, wird als Kontinenz bezeichnet. Deren Verlust ist kennzeichnend für die Stuhlinkontinenz.
Stuhlgang – Anatomischer Ablauf
Die anatomischen Strukturen, die an der Defäkation beteiligt sind, umfassen vor allem das Colon sigmoideum, das Rektum, den Analkanal sowie die Schließmuskeln. Das Rektum fungiert als temporärer Speicher für den Stuhl. Bei zunehmender Füllung wird die Rektumwand gedehnt, was mechanosensorische Rezeptoren aktiviert.
Der Analkanal ist mit zwei wichtigen Schließmuskeln ausgestattet:
- Musculus sphincter ani internus: ein glatter Muskel, der autonom vom vegetativen Nervensystem kontrolliert wird.
- Musculus sphincter ani externus: ein quergestreifter Muskel, der willentlich über den Nervus pudendus innerviert wird.
Zusätzlich spielt der Musculus puborectalis, Teil des Beckenbodens, eine entscheidende Rolle, indem er das anorektale Kontinuum in einem spitzen Winkel hält und so zur Kontinenz beiträgt.
Stuhlgang – Neuronale Steuerung
In erster Linie stößt der sogenannte gastrokolische Reflex die Defäkation an. Dieser Reflex führt vor allem nach der Nahrungsaufnahme zu Massenbewegungen im Dickdarm, die den Stuhl Richtung Rektum befördern. Der Eintritt des Stuhls in das Rektum erhöht dort den Druck und stimuliert viszerosensible Afferenzen (vor allem über die Nervi splanchnici pelvici). Diese senden die Signale an das Rückenmark und weiter bis in den sensorischen Cortex. Der genannte Prozess erzeugt das subjektive Empfinden des Stuhldrangs.
Daraufhin erschlafft reflektorisch der innere Sphinkter, während der äußere Sphinkter bewusst angespannt wird, was die Kontinenz aufrechterhält. Erst bei bewusster Entspannung des äußeren Sphinkters sowie des Musculus puborectalis kommt es zur Öffnung des Analkanals. Eine reflektorische Kontraktion des Rektums und des Colon sigmoideum sowie die sogenannte Bauchpresse unterstützen diesen Vorgang. Darunter versteht man die Kontraktion der Bauchmuskulatur bei gleichzeitig geschlossenem Kehlkopf (Valsalva-Manöver).
Stuhlgang – Häufigkeit und Stuhlvolumen
Die Frequenz des Stuhlgangs variiert stark zwischen Individuen. Als medizinisch unauffällig gilt eine Bandbreite von dreimal täglich bis dreimal wöchentlich. Auch Konsistenz und Volumen des Stuhls schwanken und hängen stark von der Ernährung, der Flüssigkeitszufuhr, der körperlichen Aktivität und dem psychischen Zustand ab. Eine ballaststoffreiche Kost erhöht in der Regel das Volumen und die Frequenz der Stuhlentleerung. Das durchschnittliche Stuhlgewicht bei omnivorer Ernährung in Europa liegt bei etwa 100 bis 200 Gramm täglich. Bei Vegetariern liegt es aufgrund des erhöhten Faseranteils bei bis zu 350 Gramm. Der Stuhl besteht zu etwa 75 Prozent aus Wasser, der Rest sind abgestoßene Zellen, unverdautes Material, Gärungsprodukte und Mikroorganismen. Letztere machen bis zu 20 Prozent der Trockenmasse aus.
Stuhlgang – Klinische Relevanz
Störungen der Defäkation sind in der ärztlichen Praxis weit verbreitet und betreffen Menschen aller Altersgruppen. Dabei können sowohl funktionelle als auch organisch bedingte Ursachen zugrunde liegen. Die häufigsten klinischen Probleme sind Obstipation, Stuhlinkontinenz und Hämorrhoidalleiden, die erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität mit sich bringen und einer gezielten Diagnostik und Therapie bedürfen.
Verstopfung (Obstipation)
Die Obstipation zählt zu den häufigsten funktionellen Störungen des Magen-Darm-Trakts und betrifft vor allem ältere Menschen, Frauen und Patienten mit reduzierter Mobilität. Medizinisch spricht man von Obstipation, wenn weniger als drei vollständige Stuhlentleerungen pro Woche erfolgen. Außerdem spielt es eine Rolle, ob der Stuhl hart oder klumpig ist, starkes Pressen nötig ist oder das Gefühl unvollständiger Entleerung besteht.
Die Ursachen der Obstipation sind vielfältig. Häufig liegt eine funktionelle Störung der Darmmotilität oder der Beckenbodenkoordination vor. Sekundäre Formen können durch Medikamente (beispielsweise Opiate, Anticholinergika, Eisenpräparate), endokrine Erkrankungen (Hypothyreose, Diabetes mellitus), neurologische Störungen (zum Beispiel Parkinson, Multiple Sklerose, Rückenmarksläsionen) oder strukturelle Veränderungen wie Tumoren oder Stenosen verursacht sein. Auch psychische Faktoren wie Stress, Depressionen oder Zwangsstörungen spielen eine Rolle.
Die Diagnostik umfasst eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung inklusive digital-rektaler Untersuchung. Bei Verdacht auf sekundäre Ursachen erfolgt die weitergehende Diagnostik gegebenenfalls mittels laborchemischen, endoskopischen oder bildgebenden Verfahren. Funktionelle Diagnostikmethoden wie die anorektale Manometrie oder die Defäkographie können bei chronischen Verläufen hilfreich sein.
Die Therapie erfolgt zunächst konservativ mit ballaststoffreicher Ernährung, erhöhter Flüssigkeitszufuhr, regelmäßiger körperlicher Aktivität und einer Re-Etablierung geregelter Stuhlgewohnheiten. Laxanzien kommen je nach Indikation und Stuhlverhalten zum Einsatz. Dabei gelten osmotisch wirksame Substanzen wie Lactulose oder Macrogol als gut verträglich. In chronischen Fällen kann auch eine Verhaltenstherapie oder eine Beckenbodenschulung sinnvoll sein.
Stuhlinkontinenz
Die Stuhlinkontinenz ist definiert als unwillkürlicher Abgang von festem oder flüssigem Stuhl sowie von Winden und stellt für die Betroffenen eine erhebliche psychosoziale Belastung dar. Sie betrifft circa zwei bis 15 Prozent der Allgemeinbevölkerung und ist insbesondere im höheren Lebensalter sowie nach Geburten oder anorektalen Operationen verbreitet.
Ursächlich sind häufig Schäden an den Sphinktermuskeln oder dem Beckenboden, vor allem nach vaginalen Geburten mit Dammriss, sowie neurologische Erkrankungen (beispielsweise Multiple Sklerose, diabetische Neuropathie, Rückenmarksläsionen). Auch eine chronische Obstipation mit Überlaufinkontinenz bei Koprostase kann das Beschwerdebild auslösen.
Die Diagnostik basiert auf der klinischen Untersuchung, rektaler Palpation, Manometrie, Endosonographie und bei Bedarf bildgebenden Verfahren (zum Beispiel MRT-Beckenboden). Die Behandlung richtet sich nach der Ursache: Konservativ kommen Beckenbodentraining, Biofeedbacktherapie und medikamentöse Optionen wie Loperamid infrage. In schweren Fällen sind operative Maßnahmen wie Sphinkterrekonstruktionen, sakrale Nervenstimulation oder in Ausnahmefällen ein künstlicher Darmausgang zu erwägen.
Hämorrhoidalleiden
Ein Hämorrhoidalleiden entsteht durch eine krankhafte Vergrößerung des arteriovenösen Gefäßpolsters im Analkanal, welche chronisches Pressen, Obstipation, sitzende Lebensweise oder Schwangerschaft begünstigen können. Klinisch äußert es sich in rektalen Blutungen, Schleimabgang, Juckreiz, Nässen oder prolabierenden Knoten.Die Einteilung erfolgt nach dem Stadium der Prolapsbildung (Grad I–IV).
Therapie von Hämorrhoiden
Die Therapie reicht von konservativen Maßnahmen wie ballaststoffreicher Kost, ausreichender Flüssigkeitszufuhr, Sitzbädern und lokal wirksamen Salben bis hin zu interventionellen Verfahren wie Gummibandligatur, Sklerosierung oder operativer Hämorrhoidektomie (nach Milligan-Morgan oder Ferguson).
Stuhlgang bei neurologischen Erkrankungen
Patienten mit Querschnittslähmung, Multipler Sklerose oder Morbus Parkinson sind besonders häufig von Defäkationsstörungen betroffen. Sowohl Obstipation als auch Inkontinenz können auftreten. Die Therapie muss hier individuell angepasst werden, unter Einbeziehung von Pflegepersonal, Hilfsmitteln (z. B. analen Irrigationssystemen) und ggf. medikamentöser Unterstützung.
- Rektum und Analkanal, https://next.amboss.com/... (Abrufdatum: 06.06.2025)
- Obstipation, https://next.amboss.com/... (Abrufdatum: 06.06.2025)




