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Transgenerationales Trauma bezeichnet die Weitergabe traumatischer Erlebnisse von einer Generation zur nächsten. Diese belastenden Erfahrungen beeinflussen nicht nur die direkt betroffene Opfergeneration, sondern auch die psychische Gesundheit und das Verhalten ihrer Nachkommen.
Dieser Artikel erläutert, wie sich solche Traumata übertragen, welche Symptome sie hervorrufen und welche Behandlungsansätze derzeit existieren.
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Was ist ein transgenerationales Trauma?
Ein transgenerationales Trauma, auch „generationales Trauma“ genannt, bezeichnet die Weitergabe einschneidender Erlebnisse und Erfahrungen einer Generation an die nachfolgenden Generationen. Durch diese Übertragung entstehen Verhaltensmuster, die üblicherweise infolge einer Traumatisierung auftreten, bei Menschen, die das Trauma gar nicht selbst erlebt haben.
Die Forschung zu transgenerationalen Traumata nahm ihren Anfang vor etwa 60 Jahren mit der systematischen Untersuchung von Überlebenden des Holocausts. Die Erkenntnisse aus den damaligen Beobachtungen haben die Wissenschaftler veranlasst, weitere Studien durchzuführen.
Verschiedene Arten des transgenerationalen Traumas
Die Literatur unterscheidet kollektive und individuelle transgenerationale Traumata. Eine kollektive Betroffenheit liegt vor, wenn eine große Bevölkerungsgruppe die initiale Traumatisierung erlebt hat. Beispiele hierfür sind neben dem Holocaust Kriege, Umweltkatastrophen, Terroranschläge oder auch die Corona-Pandemie. Demgegenüber beziehen sich individuelle Traumata auf eine kleinere Personengruppe, etwa eine Familie, innerhalb derer es zu Gewalt, einem Unfall oder Suizid kommt.
Traumatisierung geschieht auch durch Vernachlässigung
Trauma wird meist als gewaltsames oder erschütterndes Ereignis von außen wahrgenommen. Studien zeigen jedoch, dass jede Form der sozialen Interaktion traumatisieren kann. Vor allem gestörte Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern können emotionale Auswirkungen und auch epigenetische Veränderungen an der DNA der Kinder auslösen.
Eine Vernachlässigung durch die Mutter bei unzureichender Fürsorgefähigkeit beeinträchtigt sowohl ihre eigene Oxytocin-Ausschüttung als auch die des betroffenen Kindes und stört dessen Stressregulation langfristig.
Transgenerationales Trauma – Ursachen
Die Ursachen transgenerationaler Traumata liegen in schwerwiegenden, nicht verarbeiteten Erlebnissen der vorangegangenen Generationen. Inwieweit diese allein der Grund für das veränderte Empfinden der Nachkommen ist, kann die aktuelle Forschung noch nicht klar erklären. Denn ergänzende Faktoren wie Sozialstatus, Ernährung und Vorerkrankungen der Eltern und Großeltern sind oft schwer zu erheben und ihr Einfluss auf die Traumaentwicklung oftmals unklar. Dennoch zeigen sich oftmals typische Muster beim transgenerationalen Trauma.
Wer ist betroffen?
Betroffen sind üblicherweise Nachkommen von Menschen, die selbst traumatisiert wurden und ihre Erlebnisse nicht ausreichend verarbeiten konnten. Vor allem Nachkriegsgenerationen hatten in der Vergangenheit wenig Möglichkeiten, das Erlebte aufzuarbeiten. Bei Vertreibung oder Flucht erschweren Aspekte wie die Sprachbarriere und unzureichende Integration die Auseinandersetzung mit dem Trauma.
Transgenerationales Trauma – Weitergabe
Die Weitergabe eines transgenerationalen Traumas kann über verschiedene Mechanismen erfolgen, die miteinander verwoben sind.
Weitergabe durch Erziehung
Kinder und Enkelkinder von traumatisierten Menschen erleben in ihrem nahen Umfeld oft Ängste, Vermeidungsverhalten, emotionale Distanz oder Schuldgefühle. Sie übernehmen häufig unbewusst die Strategien und Muster ihrer Angehörigen in ihre eigenen Verhaltensweisen, vor allem im Hinblick auf Stressreaktionen.
Auch das Schweigen über die erlebten Ereignisse kann zu einer Belastung für die Nachkommen werden. Vor allem wenn gleichzeitig ein übermäßig beschützendes Verhalten seitens der Eltern gelebt wird, kann das Sicherheitsgefühl der Kinder beeinträchtigt werden, weil sie das Verhalten der Umgebung nicht einordnen können.
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Weitergabe über die Gene
Studien an Fruchtfliegen, die in ihrem Genom vielfache Überschneidungen mit der menschlichen DNA aufweisen, zeigen biologische Mechanismen der Trauma-Vererbung auf. Dabei sind vor allem epigenetische Aspekte von Bedeutung. Das heißt, nicht die DNA selbst verändert sich, sondern diejenigen Abschnitte der DNA, die mit der Stressregulation in Verbindung stehen, werden nicht im ausgewogenen Maße abgelesen. Dadurch können stressfördernde Signale überwiegen oder die Stressverarbeitung durch Antistress-Mechanismen wird unterdrückt.
Diese epigenetischen Veränderungen sind im Gegensatz zu direkten DNA-Veränderungen nicht dauerhaft festgelegt. Sie können also durch gezieltes Eingreifen umgewandelt und teilweise rückgängig gemacht werden. Das genaue Ausmaß der genetischen Weitergabe von Traumafolgen beim Menschen ist noch nicht lückenlos verstanden.
Transgenerationales Trauma – Symptome
Transgenerationale Traumatisierungen äußern sich auf verschiedenen Ebenen. Sie können psychischer, emotionaler und auch körperlicher Natur sein. Da die Betroffenen selbst das belastende Ereignis nicht erlebt haben, kann es herausfordernd sein, die Symptomatik als transgenerationale Übertragung zu erkennen.
Psychische Auswirkungen
Häufig zu beobachtende psychische Symptome bei transgenerationalem Trauma sind unter anderem Angststörungen und Schuld- oder Schamgefühle ohne eindeutigen Auslöser. Auch chronischer Stress, Identitätsstörungen oder eine Neigung zu Depressionen zählen dazu. Innere Unruhe und das Gefühl von Hilflosigkeit sind in diesem Zusammenhang gängige Phänomene. In einigen Fällen ist es möglich, dass Betroffenen die Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aufweisen.
Körperliche Phänomene
Zu den körperlichen Auswirkungen der übertragenen Traumatisierung zählen psychosomatische Beschwerden wie Verspannungen oder Schmerzen, die sich keiner eindeutigen Erkrankung zuordnen lassen sowie Schlafstörungen und erhöhte Stresshormonspiegel.
Störungen der sozialen Interaktionen
Transgenerationale Traumatisierungen wirken sich auch auf das Sozialverhalten und die Bindungsfähigkeit aus. Die Betroffenen zeigen häufig vermeidende Verhaltensweisen, Misstrauen gegenüber anderen und sozialen Rückzug.
Transgenerationales Trauma – Behandlung und Heilungschancen
In der Kindheit gelernte Verhaltensweisen und Bewältigungsstrategien bei transgenerationalem Trauma lassen sich im Rahmen einer gut strukturierten Traumatherapie häufig auflösen oder verändern. Auch epigenetische Anpassungen an Traumata scheinen bei geeigneter Behandlung modifizierbar zu sein. Untersuchungen im Tiermodell konnten in diesem Zusammenhang zeigen, dass beispielsweise blockierte „Anti-Stress-Gene“ durch eine liebevolle Pflege der Nachkommen wieder ablesbar gemacht werden können.
Bei der Auswahl des geeigneten Therapieverfahrens sollte der Therapeut nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihr Umfeld im Blick behalten. Denn die Nachkommen von Traumatisierten können ihr Erleben wiederum an die eigenen Kinder weitergeben oder, im Falle einer erfolgreichen Behandlung, deren Belastung bereits in der Kindheit reduzieren. So kann bei frühzeitigem Eingreifen der Teufelskreis der Trauma-Übertragung durchbrochen werden. Die Überwindung transgenerationaler Traumata kann viel Zeit erfordern, dessen sollten sich die Patienten bewusst sein.
Traumatherapie
Traumatherapeuten arbeiten unter anderem mit Methoden wie dem EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder der kognitiven Verhaltenstherapie. Im Rahmen dieser Verfahren erfolgt eine Neubewertung der auslösenden Ereignisse und die Reaktion darauf wird angepasst.
Da die Betroffenen das Trauma nicht selbst erlebt haben und daher auch keine Erinnerungen daran haben können, geht es bei der Therapie von generationsübergreifend traumatisierten Menschen vor allem um den Umgang mit den erlebten Bindungsstörungen und dem Verhalten der Vorgenerationen.
Familien- und Systemtherapie
Transgenerationale Traumata betreffen häufig aufeinander folgende Generationen. Daher kann es sinnvoll sein, die betreffenden Familienmitglieder an der Behandlung zu beteiligen, um die zugrunde liegenden Muster und ihre Folgen für alle Beteiligten aufzudecken.
Förderung der Resilienz
Das Erlernen von Bewältigungsstrategien, Achtsamkeitsmaßnahmen und Selbstfürsorge helfen den Betroffenen, ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress zu erhöhen. Dadurch können sie sich in akuten Belastungssituationen helfen und der Erfolg der Therapie wird gefördert.
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Häufige Fragen
- Wie äußert sich ein transgenerationales Trauma?
- Kann man ein transgenerationales Trauma auflösen?
- Wie funktioniert transgenerationale Weitergabe?
- Was sind die Ursachen eines transgenerationalen Traumas?
Ein transgenerationales Trauma kann sich in Form von emotionalen, körperlichen und sozialen Problemen der Betroffenen äußern. Übliche Symptome sind teils nicht nachvollziehbare Ängste, ein diffuses Schuld- oder Schamgefühl, emotionale Leere, Identitätsprobleme, Schlafstörungen und chronischer Stress. Auch unklare oder starke Schmerzen ohne körperliches Äquivalent können Ausdruck einer übertragenen Traumatisierung sein.
Es gibt verschiedene Methoden zur Auflösung eines transgenerationalen Traumas. Die Behandlungen zielen dabei sowohl auf eine Veränderung der Stressbewältigung ab als auch auf die Beseitigung epigenetischer Veränderungen, die bei Nachkommen von Traumatisierten auftreten können. Ein besseres Verständnis der damit verbundenen Prozesse könnte in Zukunft die Therapieoptionen für das transgenerationale Trauma erweitern.
Die Weitergabe einer transgenerationalen Traumatisierung erfolgt einerseits über psychologische Mechanismen wie die emotionale Dynamik innerhalb der Familie und Verhaltensmuster. Außerdem kommt es bei den Nachkommen der Betroffenen zu epigenetischen Anpassungen. Diese bewirken, dass die Verarbeitung von DNA-Abschnitten mit Bezug zur Stressregulation gestört wird. Es kommt zu einem Ungleichgewicht zwischen Stressaufbau und Stressabbau.
Ursächlich sind häufig nicht verarbeitete Trauma-Erlebnisse bei Eltern oder Großeltern, die Kriege, körperliche oder emotionale Gewalt erfahren haben. Sie tragen die Trauma-Folgen sowohl durch ihre Verhaltensmuster als auch durch die Epigenetik in die nachfolgenden Generationen.
- Bühring, P., „Transgenerationale Traumatisierung: Den Teufelskreis durchbrechen.“, Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 08/2012, S. 366 f.
- Generational Trauma: die vererbte Last, https://www.wicker.de/... (Abrufdatum: 08.10.2025)
- Transgenerationales Trauma: Steckt es auch in den Genen?“, https://www.deutschlandfunk.de/... (Abrufdatum: 06.10.2025)








