
Inhaltsverzeichnis
Wenn ein Mensch intensivmedizinisch behandelt werden muss, betrifft die Ausnahmesituation meist die ganze Familie. Angehörige auf der Intensivstation brauchen deshalb nicht nur Informationen über den Gesundheitszustand, sondern auch Orientierung, verlässliche Kommunikation und Unterstützung. Gerade Pflegefachpersonen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie sind häufig nah am Bett, erleben Angehörige unmittelbar und können Sicherheit vermitteln.
Der folgende Überblick gibt Dir fünf wichtige Tipps, wie du mit Angehörigen auf der Intensivstation umgehen kannst.
Das Wichtigste zu Angehörigen auf der Intensivstation in Kürze
- Angehörige möglichst früh orientieren und Abläufe verständlich erklären.
- Informationen klar, einheitlich und ohne unnötige Fachsprache vermitteln.
- Vor der Weitergabe patientenbezogener Informationen klären, wer Auskunft erhalten darf.
- Angehörige nach Wunsch und Situation aktiv einbeziehen.
- Besuchsmöglichkeiten möglichst flexibel gestalten.
- Psychische Belastungen ernst nehmen und bei Bedarf weitere Unterstützung vermitteln.
Inhaltsverzeichnis
- Angehörigen früh Orientierung geben
- Klar, strukturiert und verständlich kommunizieren
- Angehörige sinnvoll in die Versorgung einbeziehen
- Präsenz ermöglichen statt starre Besuchslogik verfolgen
- Auch die Belastung der Angehörigen wahrnehmen
- Fazit: Angehörigenarbeit gehört zur Intensivpflege
- Passende Jobs in der Pflege
Angehörigen früh Orientierung geben
Geräte, Alarme, Beatmungsschläuche und viele Mitarbeitende: Eine Intensivstation kann auf Angehörige überwältigend wirken. Pflegefachpersonen können bereits beim ersten Kontakt erklären, was sie erwartet und welche Abläufe wichtig sind. Hilfreich sind kurze, konkrete Informationen: Was bedeuten typische Geräusche? Was dürfen Angehörige berühren? An wen können sie sich mit Fragen wenden? Wann sind längere Gespräche möglich?
Eine aktuelle systematische qualitative Übersichtsarbeit zeigt, dass Angehörige insbesondere verlässliche Informationen, Nähe, Einbindung und eine vertrauensvolle Beziehung zum Behandlungsteam benötigen.
Klar, strukturiert und verständlich kommunizieren
Unter Stress können Menschen Informationen schlechter aufnehmen und behalten. Deshalb reicht es nicht, medizinische Sachverhalte einmal ausführlich zu erklären. Für Pflegefachpersonen bedeutet das: kurze Informationseinheiten, verständliche Sprache und gezielte Rückfragen. Statt „Haben Sie alles verstanden?“ kann beispielsweise gefragt werden, was Angehörige aus dem Gespräch für sich mitgenommen haben.
Dabei müssen Pflegefachpersonen ihre fachlichen Zuständigkeiten und die Schweigepflicht beachten. Vor der Weitergabe patientenbezogener Angaben sollte geklärt sein, ob der Patient eingewilligt hat oder der Angehörige zur Vertretung berechtigt ist. Diagnosen, Prognosen und ärztliche Behandlungsentscheidungen sollten entsprechend den festgelegten Zuständigkeiten durch den ärztlichen Dienst erläutert werden.
Wie wichtig das ist, zeigt eine deutsche Studie aus dem Jahr 2025: Eine strukturierte Kommunikationsintervention mit Training für Ärzte und Pflegefachpersonen sowie Informationsmaterial für Angehörige verbesserte deren Verständnis wichtiger medizinischer Informationen. Auch eine aktuelle Metaanalyse von 19 Studien kommt zu dem Ergebnis, dass Kommunikationsinterventionen Bedürfnisse von Angehörigen besser adressieren können und bei bestimmten psychischen Belastungen positive Effekte zeigen.
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Angehörige sinnvoll in die Versorgung einbeziehen
Angehörige müssen auf der Intensivstation nicht ausschließlich Besuchende sein. Wenn der Patient, die Angehörigen und die Behandlungssituation es zulassen, können sie beispielsweise beim Eincremen, bei einfachen Unterstützungsmaßnahmen oder bei der Kommunikation mitwirken. Voraussetzungen sind die Zustimmung des Patienten beziehungsweise seines Vertreters, eine verständliche Anleitung sowie die Beachtung von Hygiene, Sicherheit und individuellen Belastungsgrenzen.
Die aktuelle Leitlinie der Society of Critical Care Medicine (SCCM) empfiehlt, Angehörigen grundsätzlich die Möglichkeit zur Beteiligung an ausgewählten Maßnahmen am Bett und zur Teilnahme an Visiten anzubieten. Dabei handelt es sich allerdings um bedingte Empfehlungen auf Basis einer bislang begrenzten Evidenz. Entscheidend ist daher nicht möglichst viel Beteiligung, sondern eine Beteiligung, die zur jeweiligen Person und Situation passt.
Präsenz ermöglichen statt starre Besuchslogik verfolgen
Die SCCM-Leitlinie spricht sich dafür aus, eine möglichst liberale Angehörigenpräsenz auf Erwachsenen-Intensivstationen grundsätzlich als Standard anzustreben. Das bedeutet nicht, dass Angehörige jederzeit unabhängig von der Situation am Bett bleiben können. Akute Eingriffe, Ruhebedürfnisse oder der Schutz anderer Patienten können Einschränkungen erforderlich machen.
Für die Pflegepraxis ist deshalb vor allem Transparenz wichtig: Wenn ein Besuch gerade nicht möglich ist, sollten Angehörige möglichst erfahren, warum und wann sie wiederkommen können. Flexible Lösungen können Unsicherheit reduzieren und die Rolle der Angehörigen als Teil einer patienten- und familienzentrierten Versorgung stärken.
Auch die Belastung der Angehörigen wahrnehmen
Eine intensivmedizinische Behandlung kann für Familien psychisch stark belastend sein. Angst, depressive Symptome oder traumabezogene Beschwerden können noch lange nach dem Aufenthalt bestehen und werden unter dem Begriff Post-Intensive Care Syndrome – Family (PICS-F) zusammengefasst. Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse schätzte, dass drei Monate nach einer intensivmedizinischen Behandlung bei Angehörigen klinisch relevante Angstsymptome bei rund 38 Prozent und depressive Symptome bei rund 20 Prozent vorliegen können.
Pflegefachpersonen müssen solche Belastungen nicht therapeutisch auffangen. Wichtig ist vielmehr, Warnzeichen wahrzunehmen, Gesprächsangebote zu machen und bei Bedarf auf psychologische, psychosoziale, seelsorgerische oder weitere Unterstützungsangebote hinzuweisen. Auch die SCCM-Leitlinie empfiehlt entsprechende Unterstützungsstrukturen für Angehörige.
Fazit: Angehörigenarbeit gehört zur Intensivpflege
Der professionelle Umgang mit Angehörigen auf der Intensivstation ist kein Zusatz zur eigentlichen Versorgung. Information, Kommunikation, Einbindung und psychosoziale Unterstützung sind Bestandteile einer modernen familienzentrierten Intensivmedizin. Pflegefachpersonen können dabei besonders viel bewirken: durch klare Worte, verlässliche Orientierung und die Bereitschaft, Angehörige als Menschen mit eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen.
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Häufige Fragen zu Angehörigen auf der Intensivstation
- Warum ist Kommunikation mit Angehörigen auf der Intensivstation so wichtig?
- Sollten Angehörige bei der Pflege mithelfen?
- Was ist PICS-F?
- Können Intensivtagebücher Angehörige unterstützen?
Weil Angehörige unter erheblichem emotionalem Stress stehen und gleichzeitig komplexe Informationen verstehen müssen. Strukturierte und verständliche Kommunikation kann Orientierung und Verständnis verbessern.
Wenn Patient, Angehörige und Situation es zulassen, kann eine freiwillige Beteiligung angeboten werden. Sie sollte jedoch individuell abgestimmt und professionell begleitet werden.
PICS-F steht für „Post-Intensive Care Syndrome – Family“ und bezeichnet länger anhaltende psychische und weitere Belastungen, die bei Angehörigen im Zusammenhang mit einer intensivmedizinischen Behandlung auftreten können.
Intensivtagebücher werden in Leitlinien als mögliche Unterstützungsmaßnahme genannt. Die aktuelle Studienlage zeigt jedoch keinen eindeutigen Nutzen für Angst, Depression oder posttraumatische Belastung bei Angehörigen. Sie sollten deshalb als ergänzendes Angebot und nicht als gesicherte Präventionsmaßnahme verstanden werden.
- Hwang DY. et al. Society of Critical Care Medicine Guidelines on Family-Centered Care for Adult ICUs: 2024. Critical Care Medicine, 2025, https://sccm.org/... (letzter Zugriff: 10.09.2026)
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- Shirasaki K. et al. Postintensive care syndrome family: A comprehensive review. Acute Medicine & Surgery, 2024, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/... (letzter Zugriff: 10.09.2026)
- Effectiveness of family-provider communication interventions on family’s psychological health, communication quality, and health care utilization in the ICU: Systematic Review und Metaanalyse, 2025, https://www.semanticscholar.org/... (letzter Zugriff: 10.09.2026)
- Multicomponent Communication Intervention to Support Family Members of the Critically Ill: deutsche kontrollierte Prä-/Post-Studie, 2025, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/... (letzter Zugriff: 10.09.2026)
- Anxiety, depression and distress in family members of people who have experienced a critical care admission: systematische Übersichtsarbeit und Bayesianische Metaanalyse, 2026, https://www.repository.cam.ac.uk/... (letzter Zugriff: 10.09.2026)
- Huang W. et al. Effects of ICU diaries on psychological disorders and sleep quality in critically ill patients and their family members: Systematic Review und Metaanalyse, 2024, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/... (letzter Zugriff: 10.09.2026)









