Der Weg aus ein einer psychischen Erkrankung gestaltet sich nicht selten als hart, steinig und anstrengend. Um bei der Bewältigung nicht komplett alleine gelassen zu werden, wurde das Konzept des Genesungsbegleiters ins Leben gerufen. Ganz nach dem Motto “Wer selbst schwere Zeiten durchgestanden hat, weiß am besten, was in solchem Situationen hilft”, helfen und unterstützen dabei Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung andere Betroffene bei der Überwindung von Erkrankungen, schweren Krisen und seelischen Ausnahmezuständen.
Welche Voraussetzungen man für diese noch recht neuartige Ausbildung erfüllen sollte, was genau ein Genesungsbegleiter tagtäglich macht und wie die beruflichen Perspektiven im weiteren Arbeitsleben aussehen, wird in diesem Beitrag behandelt.
Das Wichtigste in Kürze
- Art der Ausbildung: Berufsbegleitige EX-IN-Qualifizierung zum zertifizierten Genesungsbegleiter
- Ausbildungsdauer: Je nach Anbieter meist 12 bis 18 Monate
- Zugangsvoraussetzungen: Eigene Krisen- oder Psychiatrieerfahrung, stabile Lebenssituation und ausreichende Belastbarkeit
- Ausbildungsvergütung: Keine Vergütung, teilweise Fördermöglichkeiten vorhanden
- Ausbildungskosten: Je nach Anbieter meist 2.500 bis 4.500 Euro
- Abschluss: Zertifikat eines zertifizierten EX-IN-Ausbildungsanbieters
- Mediangehalt: 3.620 Euro brutto pro Monat
- Einsatzorte: Psychiatrische Kliniken, Beratungsstellen, Wohnheime, sozialpsychiatrische Dienste und Jugendhilfe
Was macht ein Genesungsbegleiter?
Genesungsbegleiter sind Menschen mit eigener Krisenerfahrung, die andere Betroffene unterstützen, die sich gerade in ähnlichen Situationen befinden. Das Konzept funktioniert nach dem sogenannten “EX-IN-Prinzip”: Das steht für “Experienced Involvement”, also die Beteiligung Erfahrener. Die Idee hinter diesem Berufsbild ist, dass sich Psychiatrie-Erfahrene zu Fachkräften im psychiatrischen System qualifizieren und im Anschluss daran anderen Personen als Genesungsbegleiter bei der Bewältigung ihrer Probleme zur Seite zu stehen. Das EX-IN-Konzept entstand aus einem europäischen Projekt, das zwischen 2005 und 2007 entwickelt wurde. Heute wird die Ausbildung in Deutschland unter anderem durch EX-IN Deutschland e. V. sowie regionale Ausbildungsanbieter weitergeführt.
Genesungsbegleiter -Ausbildung – Übersicht
Die Ausbildung zum Genesungsbegleiter wird in Deutschland an zahlreichen anerkannten EX-IN-Ausbildungsstandorten angeboten, die nach den Qualitätsstandards von EX-IN Deutschland arbeiten. Ziel der Ausbildung ist es, sich intensiv mit der eigenen Genesungsgeschichte auseinander zu setzen und dann zu lernen, inwiefern man mit den eigenen Erfahrungen anderen helfen, beziehungsweise als Genesungsbegleiter von Nutzen sein kann.

Genesungsbegleiter -Ausbildung – Zugangsvoraussetzungen
Für die Ausbildung zum Genesungsbegleiter ist formal gesehen ein Schulabschluss nicht zwingend notwendig, jedoch sollte man auf jeden Fall dazu in der Lage sein, Berichte zu schreiben und Texte lesen zu können. Darüber hinaus gibt es noch einige persönliche Eigenschaften, die man mitbringen sollte:
- Erfahrung mit Psychiatrie, schweren Lebenskrisen und/oder starken seelischen Erschütterungen und deren Bewältigung
- keine akut bestehende Krise oder Sucht, stabile gesundheitliche Situation
- Bereitschaft zur Selbstfürsorge, stabiles privates und soziales Netz
- Reflexions- und Gruppenfähigkeit
- Offenheit gegenüber anderen Sichtweisen, Bereitschaft zum Erfahrungsaustausch
- Empathie und Behutsamkeit
- Zuverlässigkeit
- keine geplanten wesentlichen Veränderungen im eigenen Lebensumfeld während des Kurses (wie Trennung, Umzug, Jobwechsel)
- eventuell Erfahrungen mit dem Trialog-Prinzip
Was bedeutet Trialog?
Trialog umfasst ein Behandlungskonzept der Psychologie, bei dem Betroffene, Angehörige und Professionelle im Rahmen des Behandlungsprozesses als gleichberechtigt angesehen werden. Mit dieser Gleichstellung soll eine angenehme Behandlungsatmosphäre ohne Hierarchien aufgebaut werden.
Genesungsbegleiter -Ausbildung – Form und Aufbau
Die Ausbildung erfolgt in der Regel berufsbegleitend in mehreren Präsenz- oder Blockveranstaltungen. Der genaue Ablauf unterscheidet sich je nach Ausbildungsanbieter. Insgesamt gibt es zwölf Module, davon fünf Basis- und sieben Aufbaumodule. Dazu kommen noch ein Vortrag über die eigene Genesungsgeschichte, zwei Praktika, ein individuelles Portfolio sowie eine Abschlusspräsentation. Die Ausbildung wird von einem Trainerteam geleitet, dass immer mindestens aus einem fertig ausgebildeten EX-IN-Genesungsbegleiter und einer Person mit einer psychiatrischen Fachausbildung inklusive Berufserfahrung besteht.
Die Kosten für die Ausbildung variieren je nach Anbieter und Bundesland. Insgesamt liegen die Kursgebühren häufig zwischen 2.500 und 4.500 Euro. Teilweise bestehen Fördermöglichkeiten, beispielsweise über Bildungsgutscheine, Stiftungen oder Arbeitgeber.
Genesungsbegleiter -Ausbildung – Inhalte und Dauer
Jeder der zwölf Wochenendblöcke in der Ausbildung zum Genesungsbegleiter umfasst Freitag, Samstag und Sonntag zu jeweils acht bis neun Stunden Unterricht. Inhaltlich sind die einzelnen Blöcke aufeinander aufbauend und umfassen zum einen Themen, bei denen man sich mit sich selbst und der eigenen Vergangenheit beschäftigt und zum anderen Inhalte über den korrekten und zielführenden Umgang mit Patienten im späteren Berufseinsatz. Folgende Tabelle liefert einen Überblick über die jeweiligen Inhalte der Module:
| Modul | Inhalt |
| Basismodul 1 | Gesundheitsfördernde Haltungen (Salutogenese) |
| Basismodul 2 | Empowerment in Theorie und Praxis |
| Basismodul 3 | Erfahrung und Teilhabe |
| Basismodul 4 | Perspektiven und Erfahrung von Genesung (Recovery) |
| Basismodul 5 | Trialog |
| Aufbaumodul 1 | Selbsterforschung |
| Aufbaumodul 2 | Fürsprache |
| Aufbaumodul 3 | Assessment (Ganzheitliche Bestandsaufnahme) |
| Aufbaumodul 4 | Begleiten und Unterstützen |
| Aufbaumodul 5 | Krisenintervention |
| Aufbaumodul 6 | Lehren und Lernen |
| Aufbaumodul 7 | Abschlussmodul |
Zusätzlich zu der Theorie in den Modulen gibt es auch noch einige Bestandteile praktischer Art. Im Rahmen von zu absolvierenden Praktika sollen die theoretischen Grundlagen in der Realität Anwendung finden. Außerdem können bereits erste Erfahrungen aus einer anderen Perspektive gesammelt werden: Statt selber in der Rolle des Patienten zu sein, bietet ein Praktikum eine hervorragende Möglichkeit, mal die Sichtweise des Behandelnden einzunehmen.
Die gemachten Erfahrungen sollen dabei auch den anderen Kursteilnehmern zugänglich gemacht werden, damit diese davon profitieren können, weshalb alle Einsätze im Rahmen eines Vortrages innerhalb der Gruppe noch einmal präsentiert und reflektiert werden. Hier sind die zusätzlichen praktischen Bestandteile aufgeführt:
| Aufgabe | Bestandteile & Bedingungen |
| Schnupperpraktikum | mindestens 40 Stunden, während Modul drei bis fünf, Reflexion des “Seitenwechsels”, Sensibilisierung für Tätigkeit als Genesungsbegleiter/in, Berichterstellung |
| Aufbaupraktikum | mindestens 80 Stunden, Erprobung der eigenen Qualitäten und neu erworbenen Fähigkeiten & Kompetenzen, Berichterstattung |
| Portfolio | Erstellung nach Vorgaben des Dachverbandes, verpflichtende Abschnitte: Spurensuche, Qualitäten, Planung und Persönliches Professionelles Profil |
| Abschlusspräsentation | am Ende des Kurses, Reflexion der Kursinhalte, der eigenen Kompetenzen & Fähigkeiten und der Rolle im Kurs |
Genesungsbegleiter -Ausbildung – Abschluss
Sind alle der zuvor genannten Abschnitte der Genesungsbegleiter-Ausbildung erfolgreich absolviert worden, endet der Kurs mit einer Abschlusspräsentation. Wieder wird an dieser Stelle großer Wert darauf gelegt, die übrigen Kursteilnehmer an den eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen, weshalb man thematisch unter anderem auf seine persönlichen Lernerfolge und neue Erkenntnisse eingeht und rückblickend die eigene Rolle innerhalb der Ausbildungszeit reflektiert.
Nach erfolgreichem Abschluss erhalten die Teilnehmenden ein Zertifikat ihres zertifizierten EX-IN-Ausbildungsanbieters nach den Qualitätsstandards von EX-IN Deutschland. Für das Zertifikat ist es notwendig, dass man maximal zehn Prozent Fehlzeiten hat, ansonsten müssen entsprechend versäumte Inhalte erst noch nachgeholt werden. Da die Kurse zur Ausbildung aber in regelmäßigen zeitlichen Abständen erfolgen, ist das in der Regel kein Problem.
Genesungsbegleiter/in Stellenangebote
Perspektiven nach der Ausbildung
Möchte man das EX-IN-Konzept nach der Ausbildung weiter unterstützen und verbreiten, hat man die Möglichkeit, selber eine Ausbildung zum Trainer für EX-IN-Modelle zu absolvieren und somit neue Genesungsbegleiter anzuleiten oder als Dozent Vorträge zu entsprechenden Themen zu halten. Genesungsbegleiter können sich in regionalen oder bundesweiten EX-IN-Netzwerken engagieren, an Fachveranstaltungen teilnehmen oder sich in Interessenvertretungen und Projekten der Peer-Arbeit einbringen.
Darüber hinaus kann man auch Forschungsarbeit in psychischen oder psychosozialen Bereichen betreiben. Wer in Richtung Selbstständigkeit strebt, kann außerdem eine eigene Selbsthilfegruppe für Betroffene gründen und somit in der Arbeit als Genesungsbegleiter weitestgehend unabhängig agieren.
Genesungsbegleiter – Gehalt während der Ausbildung
Die Ausbildung zum Genesungsbegleiter wird nicht vergütet. Es besteht allerdings die Möglichkeit, über Stipendien, Stiftungen oder den aktuellen Arbeitgeber finanzielle Unterstützung zu erhalten.
Genesungsbegleiter – Gehalt im weiteren Berufsleben
Bei der Ausbildung zum Genesungsbegleiter handelt es sich um eine noch recht “junge” Qualifikation, weshalb es noch keine tarifliche Anerkennung dafür gibt. Dies ist eher eine Ausnahme für Berufe im Gesundheitswesen, denn normalerweise sind die Gehälter für Krankenschwestern, Medizinische Fachangestellte und Co. per Tarifvertrag festgelegt. Eine offizielle tarifliche Anerkennung der Qualifikation wird jedoch bereits diskutiert.
Das Einstiegsgehalt eines Genesungsbegleiters liegt bei 3.242 Euro brutto pro Monat. Mit zunehmender Berufserfahrung steigt das Einkommen auf bis zu 4.042 Euro brutto pro Monat an. Das Mediangehaltbeträgt 3.620 Euro brutto pro Monat.
Neben der Berufserfahrung kann auch der Arbeitsort das Gehalt beeinflussen. Je nach Region und Arbeitgeber sind Unterschiede bei der Vergütung möglich. Wie sich das Einkommen mit wachsender Berufserfahrung entwickelt, zeigt die folgende Grafik.
Weitere Informationen zum Gehalt eines Genesungsbegleiters findest Du hier:
Genesungsbegleiter – Aufgaben im Arbeitsalltag
Das Aufgabenfeld als Genesungsbegleiter kann sich über einen sehr weiten Bereich erstrecken. Da jeder Betroffene eine persönliche Geschichte mitbringt, gilt es, alle Maßnahmen möglichst auf den Klienten individuell anzupassen. Grundsätzlich berät, begleitet und unterstützt man den Patienten in den verschiedensten Lebenssituationen. Dabei kristallisieren sich im Regelfall diese Aufgaben heraus: Selbstversorgung und Wohnen, Tagesgestaltung, Ausbildung und berufliche Rehabilitation, Krisenintervention und Behandlungspläne schreiben.
Genesungsbegleiter – Weiterbildungsmöglichkeiten
Das Feld der psychischen Erkrankungen ist sehr weit gefasst und dementsprechend gibt es auch viele Möglichkeiten, sich als Genesungsbegleiter in bestimmten Bereichen weiterzubilden und sich zu spezialisieren. Mögliche Spezialgebiete sind beispielsweise die Arbeit mit Jugendlichen, Gefängnisinsassen oder Menschen mit Suchtproblemen. Aber auch Spezialisierungen auf bestimmte Krankheiten und der Umgang mit diesen, wie Schizophrenie, Depression oder bipolaren Störungen sind als Genesungsbegleiter erwägenswert.
Wer darüber hinaus eine Hochschulzugangsberechtigung besitzt, kann außerdem ein Studium der Psychologie als Weiterbildungsmaßnahme in Betracht ziehen und als Psychologe/-in arbeiten. Studiengänge wie Soziale Arbeit, Gesundheitswissenschaften oder Rehabilitationspädagogik kommen jedoch auch infrage.
Weitere Infos zu Weiterbildungen gibt es hier:
Genesungsbegleiter – Arbeitszeiten
Als Genesungsbegleiter arbeitet man je nach Einsatzbereich häufig zu geregelten Arbeitszeiten, beispielsweise in Beratungsstellen, ambulanten Einrichtungen oder sozialen Diensten. In psychiatrischen Kliniken, Wohnheimen oder Kriseneinrichtungen kann jedoch auch Schichtdienst, Wochenend- oder Feiertagsarbeit dazugehören, um eine kontinuierliche Betreuung der Betroffenen sicherzustellen. Ungeplante Überstunden sind zwar nicht die Regel, können aber beispielsweise in akuten Krisensituationen, bei Notfällen oder im Rahmen einer intensiveren Begleitung einzelner Klienten erforderlich sein.
Genesungsbegleiter – Wo kann gearbeitet werden?
Die Einsatzmöglichkeiten in der Genesungsbegleitung sind recht vielfältig, denn die Betreuung von psychischen Erkrankungen kann durch verschiedene Institutionen geschehen. Klassischerweise werden Genesungsbegleiter in Kliniken, psychiatrischen Einrichtungen, Wohnheimen oder Beratungsstellen angestellt. In letzter Zeit haben sich auch immer mehr Möglichkeiten ergeben, online Beratungen zu psychischen Problemstellungen durchzuführen. Doch auch beispielsweise im Maßregelvollzug oder in der Jugendhilfe kann das Fachwissen eines Genesungsbegleiters Anwendung finden.
Passende Stellenangebote für Genesungsbegleiter
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Häufige Fragen zur Genesungsbegleiter-Ausbildung
- Was macht ein Genesungsbegleiter?
- Wie wird man Genesungsbegleiter?
- Wo kann man als Genesungsbegleiter arbeiten?
- Ist die Ausbildung zum Genesungsbegleiter vergütet?
Ein Genesungsbegleiter unterstützt Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Krisenerfahrungen auf ihrem Weg der Genesung. Dabei bringt ein Genesungsbegleiter die eigenen Erfahrungen ein, begleitet Betroffene im Alltag und stärkt deren Selbstbestimmung.
Um Genesungsbegleiter zu werden, absolviert man in der Regel eine EX-IN-Ausbildung bei einem anerkannten Ausbildungsanbieter. Voraussetzung sind vor allem eigene Krisen- oder Psychiatrieerfahrungen sowie eine stabile persönliche Lebenssituation.
Als Genesungsbegleiter kann man unter anderem in psychiatrischen Kliniken, Wohnheimen, Beratungsstellen oder sozialpsychiatrischen Diensten arbeiten. Auch Tätigkeiten in der Jugendhilfe oder in ambulanten Einrichtungen sind möglich.
Die Ausbildung zum Genesungsbegleiter wird in der Regel nicht vergütet. Für die Finanzierung kommen jedoch je nach persönlicher Situation Förderprogramme, Stiftungen oder Arbeitgeber infrage.
- Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, Trialogisches Forum, https://www.dgppn.de/... (letzter Zugriff am 30.06.2026)
- Genesungsbegleiter/in, https://gesundheit-soziales-bildung.verdi.de/... (letzter Zugriff am 30.06.2026)






