
Inhaltsverzeichnis
Vom 21. bis 23. April war die Medi-Karriere-Redaktion bei der ALTENPFLEGE Messe 2026 in Essen mit dabei. Dazu gehörte auch unser Vortrag “Wer pflegt die Pflegenden? – Selbstfürsorge im Pflegealltag”, den wir dort präsentiert haben und den Du hier noch einmal in schriftlicher Form lesen kannst.
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Thomas und die Überlastung
Ich möchte Ihnen heute von Thomas erzählen.
Thomas ist 38 Jahre alt. Examinierter Altenpfleger. 14 Jahre im Beruf. Er ist der Kollege, auf den sich alle verlassen. Der einspringt, wenn jemand krank wird. Der noch fünf Minuten bleibt, wenn ein Bewohner weint. Der nach der Schicht noch die Übergabe sauber dokumentiert, bevor er nach Hause fährt.
Thomas schläft seit Monaten schlecht. Er trinkt abends mehr als früher. Er reagiert gereizt auf seine Kinder – und schämt sich dafür. Er hat Rückenschmerzen, die er seit einem halben Jahr nicht behandeln lässt, weil er keinen Termin findet, der mit seinem Dienstplan vereinbar ist.
Und Thomas denkt: “So ist das eben. Das gehört dazu. Andere schaffen das doch auch.”
Thomas gibt es nicht nur einmal. Thomas sitzt vielleicht gerade in diesem Raum.
Und das ist der Grund, warum wir heute über etwas sprechen müssen, das in der Pflege noch immer als Schwäche gilt – obwohl es in Wirklichkeit die Grundlage für alles andere ist.
Wir sprechen über Selbstfürsorge.
Die Wahrheit, die wir uns selten sagen
Lassen Sie mich mit einem Satz beginnen, den ich für einen der wichtigsten halte, den man in der Pflege sagen kann:
Sie können einen fast leeren Akku nicht einfach aufladen.
Klingt banal. Ist es aber nicht. Denn genau das versuchen Pflegefachkräfte jeden Tag. Sie geben. Und geben. Und geben. Und irgendwann geben sie aus einer Reserve, die längst aufgebraucht ist.
Die Zahlen sind alarmierend: Pflegekräfte haben im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ein mehr als doppelt so hohes Burnout-Risiko. Fast jede dritte Pflegekraft berichtet von emotionaler Erschöpfung. Und die Dunkelziffer – die Menschen wie Thomas, die funktionieren, aber innerlich längst auf Reserve fahren – ist um ein Vielfaches höher.
Aber es gibt ein zweites Problem, das fast noch schwerer wiegt als die Erschöpfung selbst:
Viele Pflegekräfte halten ihre eigene Erschöpfung für normal.
Sie vergleichen sich mit dem Kollegen, der noch mehr arbeitet. Sie denken an die Bewohnerinnen und Bewohner, denen es schlechter geht. Sie sagen sich: “Ich hab keinen Grund zur Klage.” Und jedes Mal, wenn sie das denken, rutschen sie ein Stückchen tiefer.
Selbstfürsorge ist in der Pflege oft noch immer ein Fremdwort. Oder schlimmer: ein Vorwurf. Als würde man zugeben, nicht hart genug zu sein. Nicht belastbar genug. Nicht gut genug.
Das ist falsch. Grundlegend falsch.
Selbstfürsorge ist keine Schwäche. Selbstfürsorge ist professionelle Pflicht. Denn wer sich nicht um sich selbst kümmert, kann auf Dauer nicht gut für andere sorgen. Das ist keine Meinung. Das ist Physiologie.
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Warnsignale erkennen, bevor es zu spät ist
Kommen wir zu etwas sehr Praktischem: den Warnsignalen.
Denn Burnout kommt nicht über Nacht. Er schleicht sich an. Leise. Oft über Monate. Und das Tückische ist: Wer mittendrin steckt, merkt es als Letzter.
Ich lese Ihnen jetzt ein paar Sätze vor. Hören Sie einfach hin – und spüren Sie, ob etwas davon bekannt klingt.
„Ich bin nach dem Urlaub genauso müde wie vorher.”
„Ich freue mich morgens nicht mehr auf die Arbeit – das war früher anders.”
„Ich merke, dass mir die Bewohner nicht mehr so nahegehen wie früher. Ich funktioniere einfach.”
„Ich reize mich über Kleinigkeiten auf, die mich früher nicht gestört hätten.”
„Ich habe das Gefühl, egal was ich tue, es reicht nie.”
Wenn Sie bei einem dieser Sätze innerlich genickt haben – dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen, dass Sie ehrlich zu sich sind. Und Ehrlichkeit ist der erste Schritt.
Es gibt drei Ebenen, auf denen sich Erschöpfung zeigt, und es lohnt sich, sie zu kennen:
Die körperliche Ebene: Schlafstörungen, häufige Erkältungen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, das Gefühl, nie wirklich ausgeruht zu sein.
Die emotionale Ebene: Innere Leere, Gleichgültigkeit, das Gefühl, von einer Glasscheibe von den Menschen getrennt zu sein, die man eigentlich begleiten möchte.
Die mentale Ebene: Konzentrationsprobleme, das Gefühl, im Kreis zu denken, Entscheidungen, die schwerfallen, obwohl sie früher selbstverständlich waren.
Thomas kannte alle drei Ebenen. Er hatte sie nur noch nie so benannt.
Was Selbstfürsorge wirklich bedeutet
Und jetzt zum Kern: Was ist Selbstfürsorge eigentlich – und was ist sie nicht?
Selbstfürsorge ist nicht die große Auszeit. Nicht der dreiwöchige Yoga-Urlaub in Bali, den sich die meisten sowieso nicht leisten können. Nicht das perfekte Work-Life-Balance-Konzept aus dem Hochglanzbuch.
Selbstfürsorge ist das, was im Alltag passiert. In den kleinen Momenten. In den Entscheidungen, die man täglich trifft – oft ohne es zu merken.
Lassen Sie mich vier Bereiche nennen, die wirklich etwas verändern.
Erstens: Die Pause, die wirklich eine Pause ist
Wie viele von Ihnen essen ihre Mittagspause am Stationstresen? Ich sehe Hände, die sich heben wollen und es nicht tun.
Eine Pause, in der man weiter erreichbar ist, weiter an Probleme denkt, weiter funktioniert, ist keine Pause. Das Gehirn braucht echte Unterbrechungen. Zehn Minuten, in denen man wirklich abschaltet, sind mehr wert als 30 Minuten, in denen man gedanklich noch auf der Station ist.
Zweitens: Grenzen setzen ohne schlechtes Gewissen
Das ist der schwerste Punkt. Denn Pflegekräfte sind oft Menschen, die in der Pflege arbeiten, weil sie geben wollen. Weil es ihr Wesen ist, zu helfen. Und genau deshalb fühlt sich Nein-Sagen so falsch an.
Aber ein Nein zu einer Aufgabe, die zu viel ist, ist kein Nein zu den Menschen, denen man dient. Es ist ein Ja zu der eigenen Handlungsfähigkeit. Ein Ja dazu, morgen noch da zu sein.
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Drittens: Kollegiale Verbundenheit als Ressource begreifen
Thomas hat seinen schlechten Wochen lange mit niemandem gesprochen. Er wollte nicht schwach wirken. Bis eine Kollegin nach einer Spätschicht fragte: „Hey, bist du eigentlich okay?” Und er zum ersten Mal ehrlich antwortete: „Nein, eigentlich nicht.”
Das Gespräch, das folgte, hat nichts an seinem Dienstplan geändert. Aber es hat etwas in ihm geändert.
Wir unterschätzen massiv, was kollegiale Unterstützung leisten kann. Nicht als professionelle Supervision – obwohl auch die ihren Platz hat – sondern als menschliche Verbindung. Das einfache “Ich sehe dich. Ich kenne das. Du bist nicht allein.”
Viertens: Mikro-Momente der Erholung
Wissenschaftlich belegt: Schon drei tiefe Atemzüge aktivieren das parasympathische Nervensystem und senken den Cortisolspiegel. Das klingt nach Esoterik. Ist es nicht. Es ist Neurobiologie.
Kurze Momente bewusster Unterbrechung – ein Blick durchs Fenster, ein Glas Wasser in Ruhe getrunken, dreißig Sekunden, in denen man einfach steht und atmet – summieren sich über einen Tag zu echter Erholung.
An Sie persönlich
Ich möchte jetzt direkt mit Ihnen sprechen. Nicht mit „der Pflege”. Nicht mit „dem System”. Mit Ihnen.
Sie haben sich heute Morgen auf den Weg zu dieser Messe gemacht. Sie investieren Ihre Zeit. Ihre Energie. Wahrscheinlich einen freien Tag oder zumindest eine Anstrengung, die Sie sich nicht einfach gemacht haben.
Das zeigt mir: Sie nehmen Ihren Beruf ernst. Sie wollen gut sein in dem, was Sie tun. Sie wollen etwas bewegen.
Und genau deshalb bitte ich Sie um eins.
Behandeln Sie sich selbst mit demselben Mitgefühl, das Sie täglich Ihren Bewohnerinnen und Bewohnern schenken.
Wenn ein alter Mensch zu Ihnen sagt, er ist erschöpft – hören Sie zu. Wenn ein Mensch in Ihrer Obhut Schmerz signalisiert – handeln Sie. Wenn jemand Ihnen anvertraut, dass er nicht mehr kann – nehmen Sie es ernst.
Sie verdienen dasselbe.
Thomas hat irgendwann angefangen, eine Kleinigkeit zu ändern. Nur eine. Er hat beschlossen, seine Mittagspause wirklich zu nehmen. Jeden Tag. Auch wenn es schwer war. Auch wenn die Station rief.
Drei Monate später hat er mir gesagt: „Ich bin immer noch erschöpft. Aber ich bin nicht mehr leer.”
Das ist kein Happy End. Das ist ein Anfang.
Und Anfänge kann jeder machen. Heute. Nach diesem Vortrag. Mit einer einzigen Entscheidung.
Welche eine Sache werden Sie ab heute für sich tun?
Ich wünsche Ihnen den Mut, diese Frage ernst zu nehmen.
Vielen herzlichen Dank.
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Häufige Fragen
- Bei uns ist Selbstfürsorge strukturell gar nicht möglich – zu wenig Personal, zu viel Druck.
- Ich fühle mich schlecht, wenn ich Nein sage – das geht anderen doch genauso.
- Was können Führungskräfte konkret tun?
Das ist real und darf nicht kleingeredet werden. Aber: Selbstfürsorge beginnt nicht mit Systemveränderung. Sie beginnt mit einer einzigen Entscheidung, die Sie selbst treffen können – heute, in Ihrem Alltag. Beides ist nötig: struktureller Wandel und persönliche Verantwortung. Beides schließt sich nicht aus.
Ja. Das geht fast allen in der Pflege so. Es ist ein erlerntes Muster. Und erlerntes Verhalten lässt sich verändern – nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt. Nein-sagen ist eine Fähigkeit, die man üben kann.
Vorbildfunktion leben – selbst Pausen nehmen, selbst Grenzen kommunizieren. Regelmäßige, echte Einzelgespräche führen, nicht nur bei Problemen. Eine Teamkultur schaffen, in der Erschöpfung kein Tabu ist. Und: Ressourcen für Supervision und Gesundheitsförderung priorisieren, nicht als Luxus, sondern als Investition.







