Inhaltsverzeichnis
Wenn Hausarztpraxen fehlen, verändert sich nicht nur die medizinische Versorgung. Auch die Aufgaben anderer Gesundheitsberufe rücken stärker in den Fokus. Die Studie „Primärversorgung 2035+“ zeigt, wie neue Versorgungsmodelle auf den wachsenden Handlungsdruck reagieren können. Besonders Pflegefachkräfte könnten künftig deutlich mehr Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig entscheiden regionale Strukturen über den tatsächlichen Versorgungsbedarf.
Welche Entwicklungen bis 2040 zu erwarten sind und welche Lösungen infrage kommen, zeigt unser Artikel zur Studie im Detail.
Das Wichtigste zur Primärversorgung in Kürze
- Bundesweit könnten 2040 rund 12.000 Hausarztstellen, gerechnet in Vollzeitäquivalenten, unbesetzt bleiben.
- Besonders ländliche Kreise könnten von einer deutlichen Unterversorgung betroffen sein.
- Für Baden-Württemberg prognostiziert das Basisszenario für 2040 eine rechnerische jährliche Versorgungslücke von rund 6,5 Millionen hausärztlichen Fällen.
- Pflegefachkräfte können bereits Hausbesuche und Case Management übernehmen. Welche weiteren heilkundlichen Aufgaben sie eigenverantwortlich ausführen dürfen, hängt von ihrer Qualifikation und den konkreten gesetzlichen und vertraglichen Regelungen ab.
- Community Health Nursing: Akademisch qualifizierte Pflegekräfte verknüpfen medizinische, pflegerische und soziale Angebote im Quartier.
- Lösungsansätze: Prävention, Telemedizin, kooperative Praxisformen und neue Aufgabenverteilungen können Versorgungslücken reduzieren.
Inhaltsverzeichnis
- Was untersucht die Studie „Primärversorgung 2035+“?
- Hausärztemangel verschärft sich regional bis 2040
- Pflege übernimmt mehr Verantwortung
- Welche Maßnahmen die Versorgungslücke verkleinern könnten
- Wie Primärversorgungszentren die Pflegearbeit verändern
- Was für eine stärkere Rolle der Pflege noch fehlt
- Grenzen der Studie
- Fazit
Was untersucht die Studie „Primärversorgung 2035+“?
Die vom Bosch Health Campus beauftragte und vom IGES Institut durchgeführte Studie „Primärversorgung 2035+“ untersucht, wie sich die Primärversorgung langfristig sichern und weiterentwickeln lässt. Baden-Württemberg dient dabei als exemplarischer Betrachtungsraum, zentrale Erkenntnisse sollen jedoch auch Impulse für Deutschland liefern.
Primärversorgung bezeichnet dabei die erste, wohnortnahe Versorgungsebene, die gesundheitliche Anliegen möglichst umfassend, kontinuierlich und koordiniert bearbeitet.
Die Studie analysiert die Entwicklung der hausärztlichen Versorgung und prognostiziert die verfügbaren Kapazitäten bis 2040. Ergänzend betrachtet sie Praxisstrukturen und multiprofessionelle Versorgungsansätze in Baden-Württemberg. Anhand eines Simulationsmodells untersucht sie zudem verschiedene Szenarien, mit denen sich eine drohende Versorgungslücke verkleinern oder schließen ließe. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere Interprofessionalität und eine stärkere Integration der Versorgung.
Hausärztemangel verschärft sich regional bis 2040
Die Prognose zeichnet vor allem für ländliche Regionen ein angespanntes Bild. Bundesweit könnten 2040 rund 12.000 Hausarztstellen, gerechnet in Vollzeitäquivalenten, und damit etwa ein Fünftel aller Sitze unbesetzt sein. Gleichzeitig dürfte die Hausarztdichte gegenüber 2024 um rund fünf Prozent sinken. Ein Grund dafür ist neben altersbedingten Abgängen der Trend zu flexibleren Arbeitsmodellen, Anstellung und Teilzeit, wodurch der durchschnittliche Teilnahmeumfang je Hausarzt weiter zurückgeht.
Bis 2040 entsprechen die altersbedingten Abgänge der Modellrechnung zufolge rund 28.300 hausärztlichen Vollzeitäquivalenten. Dem stehen etwa 25.700 Vollzeitäquivalente durch Nachwuchsärzte und netto zugewanderte Ärzte gegenüber.
Besonders deutlich werden die regionalen Unterschiede: Fast ein Fünftel der Kreise könnte 2040 einen Versorgungsgrad von weniger als 75 Prozent erreichen und damit rechnerisch unterversorgt sein. Weitere 15 Prozent bewegen sich nahe an dieser Grenze. Während vor allem ländliche Gebiete betroffen sind, stellt sich die Situation in vielen Ballungsräumen anders dar: Rund ein Drittel der Kreise könnte 2040 sogar die Grenze zur rechnerischen Überversorgung erreichen.
Für Baden-Württemberg fällt die Entwicklung besonders ungünstig aus. Dort könnte die Hausarztdichte von 58 im Jahr 2024 auf 51 Vollzeitäquivalente je 100.000 Einwohner im Jahr 2040 zurückgehen. Gleichzeitig könnten 15 der 44 Stadt- und Landkreise und damit rund ein Drittel rechnerisch unterversorgt sein.
Pflege übernimmt mehr Verantwortung in der Primärversorgung
Eine zukunftsfähige Primärversorgung soll nach Einschätzung der Studie stärker interprofessionell organisiert sein. Pflegefachpersonen und andere nichtärztliche Gesundheitsberufe dienen dabei nicht lediglich der Entlastung von Hausärztinnen und Hausärzten. Ihre eigenen Kompetenzen können dazu beitragen, gesundheitliche, pflegerische, soziale und psychosoziale Probleme umfassender und patientenzentrierter zu bearbeiten.
Je nach Qualifikation sowie rechtlichem und vertraglichem Rahmen kommen beispielsweise folgende Aufgaben und Rollen infrage:
- eigenständige Bearbeitung regelmäßig wiederkehrender Versorgungsaufgaben,
- Hausbesuche und Betreuung bestimmter Patientengruppen,
- Case-Management und Care Management, insbesondere bei älteren, chronisch erkrankten und multimorbiden Menschen,
- Einsatz akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen wie Advanced Practice Nurses in multiprofessionellen Teams.
Dass solche Modelle an Bedeutung gewinnen, zeigt auch die Entwicklung in Baden-Württemberg: Neben Nichtärztlichen Praxisassistenten (NäPa) und Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis (VERAH) werden inzwischen akademisch qualifizierte nichtärztliche Gesundheitsberufe in der hausärztlichen Versorgung eingesetzt, auch wenn ihre Zahl bislang vergleichsweise gering ist.
NäPa und VERAH sind Zusatzqualifikationen für Medizinische Fachangestellte sowie unter bestimmten Voraussetzungen für Angehörige anderer Gesundheitsfachberufe. Sie unterstützen Hausärzte und übernehmen delegierte Aufgaben.
Deshalb sind diese Qualifikationen von eigenverantwortlichen Rollen akademisch qualifizierter Pflegefachkräfte zu unterscheiden. Beide Ansätze können jedoch zu einer stärker interprofessionellen Primärversorgung beitragen.
Welche Maßnahmen die Versorgungslücke verkleinern könnten
Für Baden-Württemberg errechnet die Studie im Basisszenario für 2040 eine Versorgungslücke von rund 6,5 Millionen hausärztlichen Fällen. Ein „Fall“ steht dabei nicht für eine einzelne Person, sondern umfasst alle Behandlungskontakte eines Patienten bei einem Vertragsarzt innerhalb eines Quartals. In sieben Einzelszenarien wird untersucht, wie unterschiedliche Stellschrauben diese Lücke beeinflussen könnten. Dazu zählen unter anderem:
- bessere Prävention, Gesundheitskompetenz und digitale Ersteinschätzung,
- ein höherer Anteil von Medizinabsolventen in der hausärztlichen Versorgung,
- ein geringerer Rückgang des ärztlichen Arbeitsumfangs,
- eine stärkere interprofessionelle Versorgung,
- mehr kooperative Praxisformen sowie
- ein größerer Anteil telemedizinischer Leistungen.
Besonders große Effekte erwartet die Modellrechnung von mehr Interprofessionalität, Telemedizin sowie einer moderaten Verringerung des Versorgungsbedarfs durch Prävention und höhere Gesundheitskompetenz.
Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel: Werden die modellierten Effekte der sieben Einzelszenarien kombiniert, könnte die errechnete Versorgungslücke vollständig geschlossen werden. Die Studie betont allerdings, dass die Größenordnung der Effekte von den zugrunde gelegten Annahmen und der tatsächlichen Umsetzung entsprechender Maßnahmen abhängt.
Wie Primärversorgungszentren die Pflegearbeit verändern
Wie sich die Rolle der Pflege in Primärversorgungszentren erweitern kann, zeigt das PORT Gesundheitszentrum am Bosch Health Campus in Stuttgart. Dort arbeiten zwei Community Health Nurses (CHN), also Pflegefachkräfte mit Hochschulabschluss, die insbesondere für populationsbezogene Versorgungsaufgaben qualifiziert sind. Das Zentrum verbindet die hausärztliche Versorgung mit einem quartiers- und bevölkerungsbezogenen Ansatz.
Die Community Health Nurses vernetzen medizinische, pflegerische und soziale Angebote und organisieren für Patienten passende Hilfen im Wohnumfeld. Im Rahmen des „Social Prescribing“ wird zudem mit sozialen Diensten zusammengearbeitet.
Rund die Hälfte der Klienten wird hausärztlich in anderen Praxen versorgt und nutzt das PORT-Zentrum ausschließlich für Angebote wie Beratung, Prävention und Unterstützung beim Selbstmanagement. Darüber hinaus unterstützt das Zentrum die Entlassung und Wiedereingliederung von Krankenhauspatienten aus dem Quartier. Damit entstehen für Pflegefachkräfte eigenständige Aufgabenfelder, die über die klassische Unterstützung in der Hausarztpraxis hinausgehen.
Was für eine stärkere Rolle der Pflege noch fehlt
Damit Pflegefachkräfte dauerhaft mehr Verantwortung in der Primärversorgung übernehmen können, müssen Berufs- und Leistungsrecht, Vergütung und Finanzierung weiterentwickelt werden. Mit dem am 1. Januar 2026 in Kraft getretenen Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege wurde der rechtliche Rahmen bereits erweitert: Pflegefachpersonen dürfen innerhalb ihrer Kompetenzen bestimmte heilkundliche Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen.
Welche Leistungen dies konkret umfasst, soll die Selbstverwaltung unter Beteiligung der Pflegeberufsverbände vertraglich festlegen. In einem Praxisbeispiel der Studie wird darüber hinaus angeregt, dass entsprechend qualifizierte nichtärztliche Gesundheitsberufe bestimmte Verordnungen und Bescheinigungen selbstständig abzeichnen dürfen.
Auch die Vergütungsstrukturen müssen sich verändern. Die Studie fordert, kooperative Teamleistungen systematisch im Vergütungssystem abzubilden, damit interprofessionelle Zusammenarbeit nicht an arztzentrierten Strukturen scheitert.
Hinzu kommt die Finanzierung neuer Versorgungsmodelle. Im PORT Gesundheitszentrum werden die Stellen der Community Health Nurses durch den Bosch Health Campus finanziert. Unter den betriebswirtschaftlichen Bedingungen einer Vertragsarztpraxis wäre diese gemeindebezogene Versorgung bislang nicht darstellbar. Für eine Überführung solcher Ansätze in die Regelversorgung sind daher verlässliche Finanzierungs- und Kooperationsstrukturen erforderlich.
Grenzen der Studie
Die Ergebnisse der Studie sind als Projektionen und nicht als exakte Vorhersagen zu verstehen. Da ausreichend differenzierte Daten fehlen, erfolgt die Prognose auf Kreisebene statt auf Ebene der kleineren Mittelbereiche, wodurch Unterversorgung tendenziell konservativer dargestellt wird.
Zudem betrachten die Zukunftsszenarien die Versorgungskapazitäten nur aggregiert und berücksichtigen regionale Verteilungsprobleme nicht. Auch einzelne Modellannahmen beruhen auf vereinfachten Rechengrößen, für den Anteil telemedizinischer Leistungen 2025 lagen beispielsweise keine empirischen Daten vor.
Fazit
Die Studie macht deutlich, dass die Primärversorgung bis 2035 und darüber hinaus nicht allein durch zusätzliche Hausärzte gesichert werden kann. Entscheidend wird vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Gesundheitsberufe. Pflegefachkräfte können dabei im Rahmen ihrer Qualifikation sowie der gesetzlichen und vertraglichen Vorgaben eigenständige Aufgaben übernehmen, Patienten kontinuierlich begleiten und medizinische, pflegerische sowie soziale Angebote miteinander verknüpfen.
Voraussetzung dafür sind jedoch passende rechtliche, finanzielle und organisatorische Rahmenbedingungen. Gelingt es, interprofessionelle Versorgungsmodelle dauerhaft in der Regelversorgung zu verankern, kann die Pflege zu einer tragenden Säule einer wohnortnahen und zukunftsfähigen Primärversorgung werden.
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Häufige Fragen zur Primärversorgung bis 2035+
- Wie verändert sich die Primärversorgung bis 2035+?
- Welche Rolle spielt die Pflege in der Primärversorgung?
- Warum ist Interprofessionalität für die Primärversorgung wichtig?
- Wie können Primärversorgungszentren die Primärversorgung verbessern?
- Welche Maßnahmen können die Primärversorgung langfristig sichern?
Laut Studie könnte sich die Primärversorgung bis 2040 durch den regionalen Hausärztemangel, neue Versorgungsmodelle, Telemedizin und eine stärkere Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsberufe verändern.
Die Pflege könnte in der Primärversorgung künftig eine größere Rolle spielen. Abhängig von Qualifikation und Rechtsrahmen können Pflegefachkräfte unter anderem Hausbesuche, Case Management und bestimmte eigenverantwortliche Versorgungsaufgaben übernehmen.
Interprofessionalität ist für die Primärversorgung wichtig, weil verschiedene Gesundheitsberufe ihre Kompetenzen bündeln und Hausärzte gezielt entlasten können.
Primärversorgungszentren können die Primärversorgung verbessern, indem sie medizinische, pflegerische und soziale Leistungen miteinander verbinden und wohnortnah anbieten.
Prävention, Telemedizin, kooperative Praxisformen, interprofessionelle Teams und geeignete Finanzierungsmodelle können dazu beitragen, die Primärversorgung langfristig zu sichern.
- Bosch Health Campus, „Primärversorgung 2035+. Wie kann die hausärztliche Versorgung zukunftsfähig gestaltet werden?“, 2026, Studie „Primärversorgung 2035+“ (PDF) (letzter Zugriff am 24.08.2026).
- Bundesministerium für Gesundheit, „Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“, 2025, Gesetz und Verfahrensstand, https://www.bundesgesundheitsministerium.de/... (letzter Zugriff am 27.08.2026).
- Kassenärztliche Bundesvereinigung, „Delegation“, Informationen zu delegierten Leistungen und NäPa, https://www.kbv.de/... (letzter Zugriff am 27.08.2026).
- Institut für hausärztliche Fortbildung, „Zulassungsvoraussetzungen zur VERAH-Prüfung“, Informationen zur VERAH-Qualifikation, https://verah.ihf-fortbildung.de/... (letzter Zugriff am 27.08.2026).









