Pflegeeinrichtungen brauchen Nachwuchs. Gleichzeitig tragen sie Verantwortung für Menschen, die oft besonders verletzlich sind. Genau darin liegt die Spannung der Pflegeausbildung: Azubis sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen, dürfen aber nicht in Situationen geraten, die sie überfordern. Wenn bei der Medikamentengabe, Mobilisation, Wundversorgung oder Dokumentation ein Fehler passiert, ist die Frage daher selten: „Wer war schuld?“ Sinnvoller ist die Frage: War die Aufgabe passend angeleitet, überwacht und dokumentiert?
Für Arbeitgeber ist das nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine haftungsrechtliche Führungsaufgabe. Auszubildende in Pflegeberufen sind nicht automatisch von Haftung befreit, aber auch Praxisanleitende und Einrichtungen können zur Verantwortung gezogen werden, insbesondere bei unzureichender Anleitung, fehlender Aufsicht oder mangelhafter Organisation. Dieser Artikel liefert detaillierte Informationen zu Haftungsfragen, wenn Azubis Fehler machen.
Das Wichtigste zu Fehlern von Azubis in Kürze
- Azubis können grundsätzlich persönlich haften. Gegenüber Patienten kann zugleich die Pflegeeinrichtung einstehen müssen.
- Im Verhältnis zwischen Auszubildendem und Arbeitgeber gelten die Grundsätze der beschränkten Arbeitnehmerhaftung.
- Arbeitgeber sollten risikoreiche Tätigkeiten nur nach strukturierter Einweisung übertragen, die Praxisanleitung nachweisbar planen und Fehler nicht nur sanktionieren, sondern systematisch auswerten.
- Gesetzlich ist eine Praxisanleitung von mindestens zehn Prozent der praktischen Ausbildungszeit Standard.
Warum Fehler von Azubis Chefsache sind
Ein Fehler eines Auszubildenden ist selten nur ein individueller Ausrutscher. In der Pflege entsteht Sicherheit durch ein System: klare Zuständigkeiten, fachliche Standards, Übergaben, Vier-Augen-Prinzipien, Supervision und Dokumentation. Fällt eines dieser Elemente weg, steigt das Risiko. Gerade bei Tätigkeiten mit unmittelbarer Gesundheitsgefährdung, etwa Medikamentengabe oder Injektionen, müssen Arbeitgeber deshalb besonders sorgfältig prüfen, ob der oder die Auszubildende fachlich, praktisch und emotional bereit ist.
Rechtlich relevant ist: Auszubildende werden nicht völlig anders behandelt als regulär Beschäftigte. Das Bundesarbeitsgericht hat klargestellt, dass im betrieblichen Ausbildungsverhältnis grundsätzlich keine Sondermaßstäbe allein wegen Unerfahrenheit gelten. Das zugrunde liegende Urteil betraf allerdings die Verletzung eines anderen Auszubildenden durch eine nicht betrieblich veranlasste Handlung und nicht einen Behandlungs- oder Pflegefehler gegenüber einem Patienten.
Für Pflegeausbildungen ist zudem § 16 Absatz 4 des Pflegeberufegesetzes wichtig: Auf den Ausbildungsvertrag sind, soweit nichts anderes gilt, arbeitsvertragliche Rechtsgrundsätze anzuwenden. Das bedeutet aber nicht, dass Arbeitgeber die Verantwortung auf Azubis abwälzen können. Wer ausbildet, organisiert ein Lernumfeld. Wird eine Aufgabe übertragen, ohne dass Anleitung, Übung, Rückmeldung und Überwachung zum Ausbildungsstand passen, kann ein Organisationsverschulden vorliegen.
Wie Arbeitgeber Azubis rechtssicher anleiten
Arbeitgeber sollten bei jeder risikobehafteten Tätigkeit drei Fragen dokumentierbar beantworten können: Wurde die Aufgabe erklärt? Wurde sie geübt? Wurde die Durchführung angemessen kontrolliert? Das ist besonders wichtig, weil die praktische Ausbildung nicht nebenbei laufen darf. Die Praxisanleitung muss geplant und strukturiert erfolgen, mindestens im Umfang von zehn Prozent der während eines Einsatzes zu leistenden praktischen Ausbildungszeit. Für Einrichtungen heißt das: Anleitung ist keine Lückenfüller-Aufgabe, sondern Bestandteil der Dienstplanung.
Bei der Haftung kommen verschiedene Wege in Betracht. Nach § 823 BGB kann schadensersatzpflichtig sein, wer vorsätzlich oder fahrlässig Leben, Körper oder Gesundheit verletzt. Fahrlässigkeit bedeutet nach § 276 BGB, die erforderliche Sorgfalt außer Acht zu lassen. Daneben kann die Einrichtung über vertragliche Haftung betroffen sein, wenn sie sich eines Mitarbeitenders oder eines Auszubildenden zur Erfüllung ihrer Pflichten bedient. § 278 BGB regelt, dass ein Schuldner das Verschulden solcher Erfüllungsgehilfen wie eigenes Verschulden zu vertreten hat.
Gegenüber dem Patienten kann daher die Einrichtung als Vertragspartner haften. Daneben kommt eine persönliche deliktische Haftung des Auszubildenden oder eines Praxisanleitenden in Betracht, wenn die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind. Will die Einrichtung den Auszubildenden anschließend intern in Regress nehmen, gelten bei einer betrieblich veranlassten Tätigkeit die Grundsätze der beschränkten Arbeitnehmerhaftung.
Praktisch folgt daraus: Je gefährlicher die Tätigkeit, desto enger müssen Anleitung und Kontrolle sein. Eine pauschale Aussage wie „Das muss ein Azubi im zweiten Jahr können“ reicht nicht. Maßgeblich sind konkrete Kompetenz, Einweisung und Situation.
Was nach Fehlern von Azubis passieren sollte
Nach einem Fehler brauchen Pflegeeinrichtungen zwei Reaktionen: akute Schadensbegrenzung und systematische Aufarbeitung. Zuerst geht es um Versorgung, Information, Dokumentation und interne Meldung. Danach sollte geprüft werden, welche Faktoren beteiligt waren: Zeitdruck, unklare Delegation, Ablenkung der Praxisanleitung, fehlende Standards, Personalmangel oder mangelhafte Übergabe.
Dokumentation ist dabei kein bürokratischer Nebenschauplatz. § 630f BGB verpflichtet zur Behandlungsdokumentation in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang. § 630h BGB enthält Beweislastregeln bei Haftung für Behandlungs- und Aufklärungsfehler. Ist eine medizinisch gebotene wesentliche Maßnahme entgegen § 630f BGB nicht dokumentiert, wird nach § 630h Absatz 3 BGB vermutet, dass sie nicht durchgeführt wurde. Für die Dokumentation von Anleitung und Kontrolle gilt diese gesetzliche Vermutung nicht automatisch. Entsprechende Nachweise können im Haftungsfall dennoch entscheidende Beweismittel sein.
Ein gutes Instrument ist ein Berichts- und Lernsystem wie CIRS. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit beschreibt solche Systeme als Instrumente des klinischen Risikomanagements, mit denen kritische Ereignisse ausgewertet und Verbesserungen abgeleitet werden können. Wichtig ist: CIRS ersetzt keine notwendige Schadensbearbeitung. Es schafft aber eine Kultur, in der Risiken früher sichtbar werden.
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Häufige Fragen zu Fehlern von Azubis
- Können Azubis persönlich haften?
- Wann haftet die Pflegeeinrichtung?
- Dürfen Azubis Medikamente stellen oder verabreichen?
- Was sollten Arbeitgeber sofort verbessern?
Ja, grundsätzlich ist das möglich. Gegenüber einem Patienten kommt insbesondere eine deliktische Haftung nach § 823 BGB in Betracht. Im Verhältnis zum Arbeitgeber richtet sich der Haftungsumfang bei betrieblich veranlassten Tätigkeiten nach dem Verschuldensgrad und den Grundsätzen der beschränkten Arbeitnehmerhaftung. Bei minderjährigen Auszubildenden ist zusätzlich § 828 Absatz 3 BGB zu beachten: Sie haften nur, wenn sie bei der schädigenden Handlung die erforderliche Einsicht in ihre Verantwortlichkeit hatten.
Die Einrichtung kann haften, wenn der Fehler im Rahmen der Vertragserfüllung gegenüber Bewohnern oder Patienten passiert oder wenn Anleitung, Aufsicht, Organisation oder Dokumentation mangelhaft waren.
Nicht pauschal. Es kommt auf Ausbildungsstand, Einweisung, Übung, Risiko der Medikation und Aufsicht an. Bei Hochrisikosituationen sollte ohne klare Kontrolle keine selbstständige Durchführung erfolgen.
Dienstpläne sollten feste Praxisanleitungszeiten enthalten. Risikotätigkeiten brauchen Kompetenznachweise, Standards und klare Freigaben. Fehler sollten dokumentiert, besprochen und in konkrete Prozessverbesserungen übersetzt werden.
- Rechtsdepesche, Haftung in der Pflegeausbildung, https://www.rechtsdepesche.de/... (letzter Zugriff: 07.09.2026)
- Aktionsbündnis Patientensicherheit, Handeln bevor etwas passiert, https://www.aps-ev.de/... (letzter Zugriff: 07.09.2026)
- Gesetz über die Pflegeberufe, Pflegeberufegesetz, https://www.gesetze-im-internet.de/... (letzter Zugriff: 07.09.2026)
- Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Pflegeberufe, §4 Praxisanleitung, https://www.gesetze-im-internet.de/... (letzter Zugriff: 07.09.2026)









