Gewalt am Arbeitsplatz ist ein Thema, das in vielen Branchen präsent ist, doch kaum irgendwo zeigt sie sich so vielschichtig und belastend wie in der Pflege. Pflegende stehen täglich in engem Kontakt mit Menschen, die sich oft in körperlich oder emotional herausfordernden Situationen befinden. Eine wirksame Gewaltprävention ist daher ein zentraler Bestandteil für gesunde Arbeitsbedingungen. Sie schützt nicht nur Mitarbeitende, sondern schafft auch eine sichere und respektvolle Umgebung für Patienten.
Dieser Artikel beleuchtet, warum Gewaltprävention in der Pflege besonders wichtig ist, welche Formen von Gewalt am Arbeitsplatz auftreten und welche Maßnahmen Arbeitgeber ergreifen können, um ihre Mitarbeiter zu schützen.
Was ist Gewaltprävention?
Gewaltprävention bezeichnet alle Maßnahmen, Strategien und Ansätze, die darauf abzielen, Gewalt zu verhindern, bevor sie entsteht, sich wiederholt oder eskaliert. Typische Ziele der Gewaltprävention sind: Risikofaktoren für Gewalt reduzieren, Schutzfaktoren stärken und gewaltfreie Konfliktlösungen fördern.
Gewalt in der Pflege
Gewalt in der Pflege zeigt sich in verbalen Angriffen, körperlichen Übergriffen und grenzverletzendem Verhalten, das sowohl von Patienten als auch von Angehörigen ausgehen kann. Viele Einrichtungen berichten von einer zunehmenden Häufigkeit solcher Vorfälle, was die Relevanz des Themas deutlich macht. Die Belastung für Pflegende wächst und der Bedarf an Gewaltprävention ist aktuell so hoch wie selten zuvor.
Gewalt in der Pflege - Zahlen
Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) verzeichnet innerhalb der Jahre 2018–2022 rund 5.300 gewaltsame Übergriffe pro Jahr gegen Beschäftigte in Gesundheits- und Pflegeberufen mit mindestens drei Tagen Arbeitsunfähigkeit.
Ursachen
Im Krankenhaus sowie in der Langzeitpflege haben es Pflegefachkräfte häufiger mit Patienten mit Verwirrtheit, Demenz, Schmerz und psychischen Erkrankungen zu tun. Menschen in diesen Situationen zeigen öfter aggressive Verhaltensweisen. Außerdem steigt durch die Nähe und den Kontakt zwischen Pflegepersonal, Patienten und Angehörigen das Risiko für eine Interaktion, die durch Gewalt geprägt sein könnte.
Die hohe psychische Belastung bei Pflegekräften erhöht das Risiko, selbst in Stresssituationen irritiert oder konfliktanfälliger zu reagieren. Außerdem verringert sie die Fähigkeit zur Deeskalation. Das verstärkt den Konflikt und verhindert unter Umständen die Prävention von Gewalt.
Die Gewalt wird häufig als Teil des alltäglichen Risikos wahrgenommen und führt dazu, dass die Ereignisse normalisiert werden und man die Prävention allgemein vernachlässigt.
Formen
Gewalt in der Pflege zeigt sich in verschiedenen Formen. Sie kann zum Beispiel verbal auftreten und sich durch Beleidigungen, Anschreien, Drohungen oder Erniedrigungen gegenüber Pflegekräften äußern. Die verbale Gewalt gegenüber Pflegenden ist mitunter die häufigste Form.
Allerdings kommt es in der Pflege auch immer wieder zu körperlicher Gewalt. Diese äußert sich durch physische Angriffe wie Schlagen, Stoßen, Kratzen oder Beißen durch Patienten oder Angehörige. Gewalt mit Waffen oder gefährlichen Gegenständen ist zwar selten, kommt aber dennoch immer wieder mal vor.
Weniger häufig spricht man über sexualisierte Gewalt und Belästigung gegenüber Pflegekräften. Diese zeigt sich unter anderem durch unerwünschte sexuelle Annäherungen, sexuelle Kommentare, Berührungen oder Bedrohungen und kann sowohl durch Patienten oder Angehörige als auch von anderen Mitarbeitern aus erfolgen.
Gewaltprävention – Rechtliche Verpflichtungen
Arbeitgeber müssen laut Arbeitsschutzgesetz prüfen, ob Beschäftigte durch Gewalt oder Aggression im Arbeitsumfeld gefährdet sind. Nach der Gefährdungsbeurteilung sollten sie geeignete Maßnahmen treffen wie zum Beispiel Schulungen anzubieten oder Meldewege einzurichten. Die Gefährdungsbeurteilung und die Planung von Maßnahmen zur Gewaltprävention sollten im Anschluss aus juristischen Gründen dokumentiert werden.
Über erkannte Risiken muss der Arbeitgeber seine Mitarbeitenden informieren und in den Maßnahmen der Gewaltprävention aufklären. Wenn Vorfälle von Gewalt passiert sind, sollten Arbeitgeber Mitarbeitende Unterstützung anbieten und die Ursache analysieren.
Gewaltprävention – Maßnahmen für Arbeitgeber
Es gibt eine Vielzahl wirksamer Maßnahmen, um Gewalt am Arbeitsplatz nachhaltig vorzubeugen. Dazu gehören sowohl organisatorische Schritte wie klare Meldewege, Gefährdungsbeurteilungen und sichere Arbeitsstrukturen als auch Schulungen in Kommunikation, Deeskalation und Konfliktmanagement. Ebenso wichtig sind eine offene Betriebskultur, unterstützende Führung und ein systematisches Nachsorge- und Unterstützungsangebote für betroffene Mitarbeitende.
Schulungen
Schulungen sind eine der zentralen Maßnahmen der Gewaltprävention am Arbeitsplatz, besonders in der Pflege. Sie vermitteln Beschäftigten nicht nur Wissen über typische Risikosituationen, sondern stärken auch praktische Fähigkeiten im Umgang mit herausfordernden oder eskalierenden Verhaltensweisen.
Schulungen helfen, Warnsignale für Gewalt frühzeitig zu erkennen und professionell reagieren zu können. Durch regelmäßige Schulungen wird eine gemeinsame Haltung im Team geschaffen, die Gewalt vorbeugt und die Sicherheit stärkt.
Klassischerweise werden in solchen Schulungen typische Auslöser für aggressives Verhalten vermittelt. Außerdem werden den Teilnehmenden Frühwarnzeichen gezeigt, die auf beginnende Gewalt deuten können. Die Mitarbeiter im Team sollen danach die eigene Sicherheit und die des Umfeldes einschätzen können.
Eine weitere Säule sind Strategien für Kommunikation. Indem man zum Beispiel ruhige, klare Sprache und nonverbale Signale bewusst einsetzt. Auch das Setzen von Grenzen ist eine dieser Strategien.
In anderen Schulungen können Mitarbeitende wiederum lernen, sich selbst zu schützen, wenn es zu Gewalt kommt. Dabei lernen sie, sich aus gefährlichen Griffen zu lösen und Fluchtwege zu berücksichtigen.
Solche Schulungen sollten hauptsächlich als Präsenztraining stattfinden, da diese häufig mit Praxisteilen versehen sind. Dabei können Simulationen und Rollenspiele zur realitätsnahen Übung ein Teil der Schulung sein. E-Learning-Einheiten können allerdings auch gut als Ergänzung dienen. Zusätzlich ist es von Bedeutung, regelmäßige Auffrischungen anzubieten.
Beratungsstellen
Beratungsstellen bieten Mitarbeitenden eine vertrauliche, unabhängige Anlaufstelle, um belastende oder gewaltbezogene Situationen zu besprechen, ohne Angst vor Stigmatisierung oder dienstlichen Konsequenzen. Durch psychosoziale Beratung, Krisenintervention und professionelle Gesprächsangebote können Beschäftigte emotionale Belastungen abbauen. Sie beraten auch Führungspersonal dabei, Strukturen zu verbessern, Umgangsregeln zu entwickeln oder Teamprozesse zu stärken.
Die Beratungsstellen können bei Bedarf Kontakte zu spezialisierten Einrichtungen herstellen, wie Trauma-Ambulanzen, Sozialdiensten oder juristischen Beratungsstellen.
Nicht zuletzt wird durch die Präsenz professioneller Beratungsangebote das Thema Gewalt enttabuisiert. Mitarbeiter erleben dadurch, dass Betroffenheit ernst genommen wird und Unterstützung selbstverständlich ist.
Hilfsangebote
Hilfsangebote im Rahmen der Gewaltprävention am Arbeitsplatz umfassen professionelle Unterstützungsstrukturen, die Beschäftigten nach gewaltvollen, bedrohlichen oder belastenden Situationen zur Seite stehen. Dazu gehören interne Angebote wie psychosoziale Beratung sowie externe Stellen wie Trauma-Ambulanzen, psychologische Beratungsdienste, Opferhilfe-Organisationen oder telefonische Hotlines.
Sie helfen den Betroffenen, das Erlebte zu verarbeiten, psychische und körperliche Folgen zu reduzieren und eine schnelle Stabilisierung zu ermöglichen. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, langfristige Belastungen wie Stress, Angst oder berufliche Überforderung zu verhindern und fördern die Rückkehr in einen sicheren Arbeitsalltag.
Indem solche Angebote niedrigschwellig erreichbar, vertraulich und professionell begleitet sind, stärken sie sowohl das individuelle Wohlbefinden als auch die gesamte Sicherheits- und Präventionskultur einer Einrichtung.
Digitale Angebote
Digitale Angebote spielen in der Gewaltprävention am Arbeitsplatz eine zunehmend wichtige Rolle. Sie ergänzen Schulungen und Beratungsstellen und machen Unterstützung jederzeit und ortsunabhängig verfügbar.
Interaktive Module zu Themen wie Deeskalation, Stressmanagement, Kommunikation, Umgang mit herausforderndem Verhalten oder rechtlichen Grundlagen können über E-Learning vermittelt werden. Mitarbeiter können diese flexibel absolvieren, was besonders bei Schichtarbeit hilfreich ist.
Auch Online-Beratungsstellen und Chat-Support werden zunehmend häufiger benutzt. Dabei wird eine vertrauliche Beratung per Chat oder Videogespräch möglich, die den Betroffenen hilft, Erlebnisse einzuordnen und bei der nächsten Vorgehensweise unterstützt.
Digitale Meldesysteme sind niedrigschwellige Systeme, mit denen Mitarbeitende Übergriffe dokumentieren können. Diese verbessern die Erfassung, helfen bei Analyse von Mustern und unterstützen die Entwicklung neuer Präventionsmaßnahmen.
Checkliste für Arbeitgeber
Damit Arbeitgeber wissen, worauf es ankommt und organisiert handeln können, ist im Folgenden eine Checkliste für Maßnahmen zur Gewaltprävention aufgeführt.
1. Gefährdungsbeurteilung
- Analyse möglicher Gewalt- und Aggressionsrisiken am Arbeitsplatz
- Prüfung sowohl körperlicher als auch psychischer Gefährdungen
- Regelmäßige Aktualisierung
- Einbezug von Mitarbeitenden und Interessenvertretungen
2. Klare Strukturen und Richtlinien
- Erstellung eines Gewaltpräventions- oder Deeskalationskonzepts
- Festlegung von Meldewegen bei Gewaltvorfällen
- Integration in Dienstanweisungen oder Leitbilder
3. Schulungen und Qualifizierungen
- Regelmäßige Deeskalations- und Kommunikationsschulungen
- Training im Erkennen von Frühwarnsignalen aggressiven Verhaltens
- Notfalltrainings für akute Bedrohungssituationen
- Schulungen zu defensiven Selbstschutztechniken
5. Kommunikationskultur stärken
- Förderung offener Kommunikation im Team
- Regelmäßige Fallbesprechungen nach herausfordernden Situationen
- Schaffung eines vertrauensvollen Meldeklimas
- Klare Führungskultur und erreichbare Ansprechpersonen
6. Nachsorge und Unterstützung
- Interne oder externe Beratungsstellen für Betroffene
- Psychologische Krisenunterstützung nach Gewaltvorfällen
- Bearbeitung jedes Vorfalls mit Analyse zur Prävention
7. Digitale Unterstützungsangebote
- Apps für Meldesysteme (anonym oder intern)
- E-Learning-Module zu Kommunikation, Umgang mit Demenz, usw.
- Digitale Dokumentation und Auswertung von Gewaltvorfällen
- Mambrey V, Ritz-Timme S, Loerbroks A. Prevalence and correlates of workplace violence against medical assistants in Germany: a cross-sectional study. BMC Health Serv Res. 2023 Apr 10;23(1):350. doi: 10.1186/s12913-023-09331-9. PMID: 37038136; PMCID: PMC10088275.
- Impact of violance, https://link.springer.com/... (Abrufdatum: 20.11.2025)
- Gewalt am Arbeitsplatz, https://www.haufe.de/... (Abrufdatum: 21.11.2025)
- Gewalt in der Arbeitswelt, https://www.dguv.de/... (Abrufdatum: 21.11.2025)
- Gewalt vorbeugen, https://www.zqp.de/... (Abrufdatum: 21.11.2025)
- Gewalt in der Pflege, https://www.aok.de/... (Abrufdatum: 21.11.2025)









