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Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt neurologischer Funktionen und Denkweisen. Menschen mit neurodivergenten Merkmalen erleben die Welt oft anders als neurotypische Personen. Sie sind neurodivergent, ihre Denkansätze weichen also von der gesellschaftlich akzeptierten Norm ab und gehen andere Wege.
Diese Unterschiede bringen sowohl Herausforderungen als auch Stärken mit sich. Dieser Artikel beleuchtet, was Neurodiversität bedeutet, welche Diagnosen dazu gehören und welche gesellschaftlichen sowie medizinischen Aspekte relevant sind.
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Neurodiversität – Definition
Neurodiversität beschreibt die natürliche Bandbreite neurologischer Unterschiede bei Menschen, darunter Autismus, ADHS, Dyslexie und andere kognitive Variationen, vor allem im Rahmen neurologischer Entwicklungsveränderungen. Statt diese als Störungen zu betrachten, erkannt man an, dass sie individuelle Stärken und Herausforderungen mit sich bringen.
Der Begriff fördert ein inklusives Verständnis und zielt darauf ab, Vorurteile abzubauen sowie gesellschaftliche Strukturen anzupassen. Besonders in Bildung und Arbeitswelt wird zunehmend Wert darauf gelegt, neurodiverse Menschen durch passende Unterstützung und Barrierefreiheit zu fördern. So entsteht eine Umgebung, in der unterschiedliche Denkweisen als Bereicherung gesehen werden.
Entstehung des Begriffs
Der Begriff Neurodiversität entstand in den 90er-Jahren und setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Die Neurologie ist die Wissenschaft bzw. die Lehre des Nervensystems. Diversität entstammt dem lateinischen Begriff diversitas, der so viel wie Verschiedenheit oder Unterschied bedeutet. Diversität wird häufig im begrifflichen Zusammenhang mit Vielfältigkeit verwendet. Neurodiversität beschreibt also die neurologische Vielfalt, die als Resultat genetischer Variationen entsteht.
Neurodiversität – Symptome
Im Zusammenhang mit Neurodiversität ist es schwierig, eine bestimmte Art der Symptomatik hervorzuheben, da sich die verschiedenen Erkrankungen durch verschiedene Symptome äußern. Häufig fallen die betroffenen Kinder und Jugendliche oder auch Erwachsene durch stereotype Verhaltensmuster, Beeinträchtigung der sozialen Interaktion oder Schwierigkeiten in der Entwicklung auf.
Neurodiversität äußert sich meist bereits im Kindesalter und kann beispielsweise Lernschwierigkeiten hervorrufen.
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Neurodiversität – Diagnosen
Die Diagnostik von Störungsspektren im Rahmen der Neurodiversität ist komplex und fordert meist eine vielschichtige Betrachtung mitsamt der Fremdanamnese durch Eltern und Lehrkräfte. Eine Klassifikation der verschiedenen psychischen Erkrankungen findet sich im ICD-10 (Internationale Klassifikation von Krankheiten) und im DSM-5 (nationales Psychiatrisches Klassifikationssystem der USA).
Social Media und Neurodiversität – das zweischneidige Schwert
Die sozialen Medien haben in den letzten Jahren einen erheblichen Teil zur Awareness bezüglich Neurodiversität und weiterer chronischer Erkrankungen mit hoher Stigmatisierung beigetragen.
Influencerinnen und Influencer klären über ihre Plattformen auf, teilen ihre Diagnosewege und berichten von Schwierigkeiten im Alltag. Das kann für Konsumierende viele positive Aspekte haben – sie können sich beispielsweise über ihre Krankheiten informieren, Verbindungen knüpfen oder sogar Rat suchen, wenn sie von ärztlicher oder anderer Seite in eine Schublade geschoben werden.
Gleichzeitig wächst mit zunehmender Aufmerksamkeit auch die Anzahl der Selbstdiagnosen. Dabei fällt auf, dass sich Menschen besonders häufig mit Diagnosen benennen, denen auch spezielle positive Eigenschaften zugesprochen werden, so etwa bestimmte Formen des Autismus, oder die Mitleid auslösen, etwa Depression oder Angststörungen. Nach wie vor hoch stigmatisierte Erkrankungen wie Borderline werden viel seltener als Selbstdiagnose gefunden.
Während die Aufmerksamkeit auf die Erkrankungen und die Entstigmatisierung viel Gutes mit sich bringen, kann diese erhöhte Selbstdiagnostik die Sichtbarkeit von echten, schwerwiegenden Erkrankungen nehmen oder sogar zu gefährlichen Tipps zur Selbsttherapie führen.
ADHS
Aufmerksamkeitsdefizite in Kombination mit Hyperaktivität sind Teil der Hyperkinetischen Störungen und werden häufig bei Jungen diagnostiziert (Verhältnis 3:1) und machen sich meist schon vor dem 5. Lebensjahr bemerkbar. Die Diagnostik erfolgt über das Umfeld, durch Fragebögen und in der direkten Interaktion mit den Patienten.
Nach ICD-10 müssen neben der Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität auch Kriterien der Impulsivität erfüllt sein. Weitere Hinweise sind Probleme im sozialen und schulischen Umfeld, der Beginn vor dem zwölften Lebensjahr, sowie die Ausprägung über mehr als zwölf Monate. Besonders schwer ist die Diagnostik von ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom) im Erwachsenenalter, da sich hier die Symptome wandeln und von Hyperaktivität mehr zu psychischen Auffälligkeiten gehen.
Generell ist die Abgrenzung zu anderen neurologischen Auffälligkeiten im Spektrum der Neurodiversität sehr komplex.
ASS (Autismus-Spektrumsstörung)
Auch Autismus-Spektrumsstörungen kommen überwiegend bei Jungen vor, mit einer Prävalenz bei Neugeborenen von 0,6 bis 1 Prozent. Man vermutet zu etwa 90 Prozent erbliche Ursachen für die Symptomentwicklung. Die Diagnose kann erst ab dem zweiten Lebensjahr gestellt werden, da zuvor auftretende Verhaltensmuster häufig übersehen bleiben.
Symptome, die zur Diagnose beitragen, sind Störungen der Kommunikation und Interaktion sowie typische Verhaltensmuster und repetitive verbale und nonverbale Rituale. Auch typische Bewegungen und Inflexibilität in Abläufen können ein diagnostischer Hinweis sein. Meist haben die Betroffen stark eingeschränkte und spezialisierte Interessensbereiche.
Begleitdiagnosen wie ADHS oder Depressionen sind häufig. Bis inklusive ICD-10 wurde Autismus in Subtypen „frühkindlich“, „atypisch“ und „Asperger-Syndrom“ unterteilt. Seit dem DSM-5 und in den neueren Klassifikationen betrachtet man sie als Spektrum, das in verschiedenen Aspekten (sprachlich, motorisch, …) mehr oder weniger stark ausgeprägt sein kann.
Dyskalkulie
Dyskalkulie ist eine spezifische Lernstörung, die das Verständnis und die Verarbeitung von Zahlen und mathematischen Konzepten beeinträchtigt. Betroffene haben oft Schwierigkeiten mit Grundrechenarten, Mengenverständnis und Zahlenrelationen, obwohl ihre allgemeine Intelligenz nicht eingeschränkt ist.
Dyskalkulie ist Teil der spezifischen Lernstörungen (im ICD-10: Rechenstörung, ab ICD-11: Developmental learning disorder with impairment in mathematics).
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Dyslexie
Die Dyslexie ist definiert als sogenannte Werkzeugstörung. Trotz gegebenem Seh- und Hörvermögen fällt es den Betroffenen schwer, Wörter oder Texte zu lesen und zu verstehen. Die Steigerungsform ist die Alexie, bei der ein absolutes Unvermögen zu Lesen vorliegt. Die Störung wird meist im Laufe des Lebens erworben, wobei auch die Sondernform der Entwicklungsdyslexie definiert ist.
Klassische Auffälligkeiten sind Lesefehler, Verständnisprobleme beim Lesen oder Grammatikfehler. Obwohl sie nicht zu den Lernstörungen gehört, wird die „developmental dyslexia“ häufig mit der Lese-Rechtschreibstörung – der Legasthenie – gleichgesetzt. Diese stammt wie die Dyskalkulie aus dem Kreis der Lernschwächen und beschreibt die andauernde Störung des Erwerbs der geschriebenen Sprache.
Betroffene machen häufig typische Fehler, wie das Auslassen, Verdrehen oder hinzufügen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in Wörtern, sowie Startschwierigkeiten und Verzögerungen beim Vorlesen. Dabei kann Lesestörung und Schreibstörung je isoliert oder beides in Kombination auftreten.
Tourette-Syndrom
Das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom oder kurz Tourette-Syndrom ist wohl der bekannteste Vertreter der sogenannten Tic-Störungen, bei denen abrupte, willkürliche, aber nicht-rhythmische Bewegungen durchgeführt (motorischer Tic) oder Laute produziert werden (vokaler Tic). Sie tritt vor dem 18. Lebensjahr auf und ist in den meisten Fällen vorübergehend (10-20 %).
Das bekannte Tourette-Syndrom umfasst nur etwa 1 Prozent der Tics. Dieses kombiniert motorische und vokale Tics über mindestens 12 Monate. Bei der Diagnose werden zusätzlich zu Fragebögen und Verhaltensbeobachtung noch weitere Diagnostiken herangezogen (wie EEG (Elektroenzephalogramm) oder körperliche Untersuchungen), um andere Ursächliche Störungen – wie eine Epilepsie – auszuschließen.
Weitere Diagnosen
Neben den genannten gehören Entwicklungsdyspraxie (Koordinationsstörung), Hochsensibilität und Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) zu den Diagnosen im Spektrum der Neurodiversität. Auch bestimmte Formen der Hochbegabung und kognitive Verarbeitungsbesonderheiten wie Synästhesie werden manchmal einbezogen. Diese Diagnosen beeinflussen Wahrnehmung, Lernen und Verhalten individuell, erfordern jedoch nicht zwangsläufig eine Behandlung, sondern oft angepasste Unterstützung und Strategien zur Förderung der Stärken.
Neurodiversität – Behandlung
An den vielen möglichen Diagnosen im Bereich der Neurodiversität zeigt sich die Stärke dieses Ansatzes: Sie alle benötigen individuelle Modelle, um ihr eigenes Lernen voranzubringen, ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden und die Entwicklung zu meistern. Im Rahmen der Neurodiversität nimmt man diese speziellen Bedürfnisse wahr und arbeitet nicht nur medizinisch, sondern auch pädagogisch an der Verbesserung der Voraussetzungen und auch an der Hervorhebung individueller Stärken der Betroffenen.
Dieser Ansatz soll die empirische Medizin und Psychologie nicht ersetzen, sondern ergänzen. Die Erkrankten bekommen also dennoch Verhaltenstherapie und werden – wenn nötig – medikamentös versorgt. Im Mittelpunkt der Behandlungsstrategie steht dabei die Psychoedukation. Letztere beschreibt den Ansatz, die Erkrankten zu Experten ihrer eigenen Störung zu machen und gemeinsam mit ihnen Strategien zur Beruhigung, Konzentration und Emotionsregulation zu entwickeln.
Neurodiversität – Soziale und Medizinische Herausforderungen
Neurodiversität bringt sowohl soziale als auch medizinische Herausforderungen mit sich. Menschen mit neurodivergenten Diagnosen stoßen oft auf Vorurteile, Missverständnisse und mangelnde Inklusion im Bildungssystem sowie am Arbeitsplatz. Medizinisch können Fehldiagnosen oder verspätete Erkennungen dazu führen, dass Betroffene nicht die notwendige Unterstützung erhalten.
Zudem sind viele Therapie- und Förderangebote nicht flächendeckend verfügbar oder werden nicht ausreichend finanziert. Eine bessere gesellschaftliche Aufklärung sowie individuell angepasste medizinische und pädagogische Maßnahmen sind entscheidend, um neurodiverse Menschen in ihrer Entwicklung und Teilhabe optimal zu unterstützen.
Divergentes Denken als Stärke
Divergentes Denken (Neurodivergenz) ist häufig ein Aspekt von Diagnosen wie ADHS. Im Gegensatz zum konvergenten Denken finden die Betroffenen dabei nicht geradlinig vom Problem zur Lösung, sondern denken aus verschiedenen Richtungen nach. Dabei ist häufig viel Kreativität im Spiel und Lösungen können aus normalen Mustern und Ideen ausbrechen und neue Lösungen anstoßen. Auch, wenn ihre Denkweise für Außenstehende sprunghaft oder verwirrend wirken können, liegt die Stärke von Menschen mit neurodiversen Störungen in solchen kreativen Denkweisen.
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Häufige Fragen
- Welche Krankenkasse übernimmt einen ADHS-Test?
- Ist eine hochsensible Person neurodivergent?
- Wie erkennt man Neurodiversität?
- Wie denken neurodiverse Menschen?
Die Kostenübernahme für eine ADHS-Diagnostik variiert je nach Krankenkasse und individueller Situation. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten, insbesondere wenn eine ärztliche Überweisung vorliegt. Bei privaten Krankenkassen hängt die Erstattung vom jeweiligen Tarif ab. Eine vorherige Klärung mit der Versicherung wird empfohlen.
Hochsensibilität (HSP) wird nicht offiziell als neurodivergent eingestuft, da sie keine medizinische oder neurologische Diagnose ist. Neurodivergenz umfasst Zustände wie Autismus, ADHS oder Dyslexie, die mit neurologischen Unterschieden einhergehen. Hochsensible Personen zeigen zwar intensivere Wahrnehmung und emotionale Reaktionen, aber dies gilt eher als Persönlichkeitsmerkmal als eine Form der Neurodiversität.
Neurodiversität erkennt man an individuellen Unterschieden in Wahrnehmung, Denken und Verhalten. Oft zeigen sich spezifische Merkmale wie eine besondere Art der Informationsverarbeitung, Sensibilität für Reize oder Herausforderungen in sozialen Interaktionen. Diagnosen wie Autismus, ADHS oder Dyslexie werden durch klinische Tests, neuropsychologische Untersuchungen oder standardisierte Fragebögen gestellt. Manche Betroffene erkennen ihre Neurodivergenz auch durch Selbstreflexion oder Erfahrungsberichte anderer.
Neurodiverse Menschen denken oft auf eine einzigartige Weise, die sich von der neurotypischen Wahrnehmung unterscheidet. Sie können Informationen anders verarbeiten, sei es durch vernetztes, bildhaftes oder detailorientiertes Denken. Manche haben eine hohe Sensibilität für Reize, während andere Schwierigkeiten mit sozialen oder exekutiven Funktionen haben. Kreativität, intensiver Fokus oder ungewöhnliche Problemlösestrategien sind häufige Merkmale. Die Denkweise variiert je nach individueller Neurodivergenz, wie Autismus, ADHS oder Dyslexie.
- Meyer, Duale Reihe Pädiatrie, Thieme (Verlag), 6. Auflage, 2024
- Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Thieme (Verlag), 7. Auflage, 2020
- Hyperkinetische Störungen, https://viamedici.thieme.de/... (Abrufdatum 28.03.2025)






